KARPFENTEICH

Ein gemeinsamer Gegner eint, das durften die Staats- und Regierungschefs am Donnerstag und Freitag nicht zum ersten Mal feststellen. Allerdings kommt es darauf an, sich den richtigen Gegner auszusuchen. Ein vermeintlicher Gegner, der in Wahrheit ein Verbündeter ist, wird schnell die Schwachpunkte und Sollbruchstellen einer solchen Allianz zutage fördern. Das war vor genau einem Monat zu beobachten, beim informellen Gipfel Ende Februar, als – zum ersten Mal in diesem Forum – über die Finanzen nach 2020 gestritten wurde. Für die schöne Zeit, in der Großbritannien, der alte “Störenfried” und “Rosinenpicker”, nicht mehr mit dabei ist. Für den Zusammenhalt hat das Feindbild dennoch nicht gereicht.

Wie unter einem Brennglas traten all die Differenzen zu Tage, die auch ganz ohne das Vereinigte Königreich die Europäische Union zu spalten drohen: Nord und Süd, Ost und West, und selbst wenn immer über das Geld gestritten wird – der Kontrast zur beabsichtigten Neugründung der 27er-EU konnte augenfälliger nicht sein. Plötzlich jedoch erkennt Großbritannien, wie sehr es angesichts eines Anschlags mit Nervengift aus der Sowjetunion, die Solidarität seiner EU-Partner wünscht und braucht. Und kuschelt sich geradezu in den Familienkreis, den es zu verlassen wünscht. Die anderen reagieren weitgehend ohne Häme. Es kommt zu einer deutlichen Erklärung, in der die Auffassung Großbritanniens über die mutmaßlichen Urheber “geteilt” wird. Und nicht nur “ernst genommen”, wie in einer früheren Fassung die Wortwahl lautete. Niemand weiß, wer der nächste ist.

Einigkeit nach außen wurde also hergestellt, trotz erheblicher Zweifel in einigen Staaten, dass man schon jetzt eine Linie von der Parkbank in Salisbury bis zum Kreml in Moskau zweifelsfrei ziehen kann. Diese Zweifel gibt es auch in Deutschland, und zwar nicht nur bei einigen Oppositionsparteien im Bundestag. Doch das zeitliche Zusammenfallen mit einem absurd zelebrierten Wahlsieg von Wladimir Putin, der mit den demokratischen Maßstäben einer Europäischen Union nichts zu tun hat, führte dem einen oder anderen möglicherweise die Welt vor Augen, in der wir leben…

Die EU-Kommission hat angesichts eines drohenden Handelskriegs bisher klug agiert, in dem sie einerseits grimmige Entschlossenheit demonstrierte, bis ins Detail einer endlos anmutenden Liste von Orangensaft- und Whiskey-Produkten, andererseits sich genauso entschlossen zur Gesprächsdiplomatie bereit zeigt. Nur wer vor der eigenen Tür nicht kehren muss, kann sorglos mit Steinen werfen. Und so zeigte sich auch zu diesem Thema beim Gipfel ein Hauch jener weltpolitischen Geschlossenheit, die man so oft bei der EU vermisst. Trump hat die Unberechenbarkeit unausgesprochen zum Geschäftsmodell erklärt…

Die EU sollte fürs Erste verstanden haben, dass sie an ihren Aufgaben wachsen kann, sogar ganz ohne Reformen. Es wäre allerdings gut, den Druck von außen zu nutzen, um bei den unverzichtbaren nächsten Entwicklungsschritten in diesem Jahr wenigstens noch ein Stück weit voranzukommen. Eines dürfte in den letzten Tagen klar geworden sein: Vom europäischen Standpunkt ist der Gegner nicht Polen oder Griechenland, noch nicht einmal Großbritannien. Er besteht in den Feinden der Demokratie und den Feinden einer wertegeleiteten Vertragsordnung, die zumindest in Europa für Jahrzehnte des Friedens gesorgt hat, wo auch immer sie auftreten mögen.

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