KARPFENTEICH

Wenn es um Afghanistan geht, ist sich die deutsche Bundesregierung nicht zu schade, die dümmst möglichen Vergleiche heranzuziehen. So sagte ein Vertreter des Bundesinnenministeriums neulich auf einer Fachkonferenz, das Risiko, im afghanischen Krieg getötet zu werden, sei ungefähr so hoch, wie an multiresistenten Erregern zu sterben. Das Schlimme an diesen perfiden Vergleichen ist, dass sie bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden stoßen. Selbst Politiker der Grünen waren sich in diesem Jahr nicht zu schade, in der Debatte über afghanische Flüchtlinge mit Halbwahrheiten nur so um sich zu werfen.

Dabei würden einige wenige Fakten und Hintergründe schon reichen. Der Anschlag heute war z.B. einer von mehr als 20 großen Anschlägen in diesem Jahr alleine in Kabul. Die Zahl der kleineren Terrorattacken zählt niemand mehr. Kabul bietet von Jahr zu Jahr ein grimmigeres Bild. Die Innenstadt besteht fast nur noch aus Sprengschutzmauern. Außerhalb Kabuls ist entweder Kampfzone oder es herrscht Anarchie.

Afghanistan gilt offiziell nicht mehr als früheres Konfliktland, was irgendwie nach Hoffnung klingt, sondern wieder einmal als Land im Krieg. Pro Tag kracht es im Schnitt 80 Mal. Es sind Angriffe auf Polizeiposten, auf Provinzhauptstädte, auf Dörfer, auf religiöse Feiern, auf Kasernen, auf Ministerien. Es sind aber auch Angriffe der afghanischen und der amerikanischen Luftwaffe. Sogar die größte nichtnukleare Bombe der Welt kam im Frühjahr in Ostafghanistan zum Einsatz. Bis heute ist nicht geklärt, wie viele Menschen sie vernichtet hat…

Aber die Bundesregierung redet weiter davon, dass es sichere Gebiete gebe und dass die Extremisten ja nur den Staat und nicht die Zivilbevölkerung im Visier hätten. Sie folgt damit einer langen Tradition: die Bürgerinnen und Bürger gezielt zu täuschen. Es fing an mit der Behauptung, deutsche Soldaten würden in Afghanistan nur Brunnen und Schulen bauen. Jetzt ist es das Märchen von einem Land, das zwar arm ist, aber ansonsten zumindest in Teilen normal. Und wer aus so einem Land zu uns flieht, gehört halt schnell dorthin zurückgeschickt.

Ein wenig mehr Ehrlichkeit also würde der deutschen Debatte mal wieder gut tun. Wir müssten uns dann jedoch eingestehen, dass Abschiebungen nach Afghanistan – also in den Krieg – nicht zu rechtfertigen sind. Leider scheint es so, dass die deutsche Politik zu diesem Eingeständnis aber nicht bereit ist. Wir werden uns auf weitere perfide deutsche Halbwahrheiten über Afghanistan einstellen müssen, allen Kämpfen, toten Zivilisten und Anschlägen zum Trotz.

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