KARPFENTEICH

Manch politischer Beobachter befürchtete gar einen Wahlkampf im Schlafwagenstil – zumal der eigentlich vorgesehene Wahltermin mitten in die Winterpause, drei Wochen nach Weihnachten, gelegt worden war. Doch spätestens seit Donnerstag scheint klar: Mit gemütlichem Punschtrinken am Partei-Infostand wird es nichts. Stattdessen wird kurz, aber heftig gestritten werden, wenn nach der Bundestagswahl Ende September in Niedersachsen die Nachspielzeit beginnt. Und dass dabei noch so manches taktische Foul gegen den politischen Gegner zu erwarten ist, hat die Landtagssitzung am Donnerstag gezeigt. Von Verschwörungstheorien und Kampagnen war da die Rede.

Die Nerven liegen ziemlich blank. Wer von der aufgeheizten Stimmung am Ende profitieren wird, ist dagegen noch nicht eindeutig festzustellen. Der Aufwärtstrend der Christdemokraten ist bemerkenswert. Er könnte aber auch im Fahrwasser der bundespolitischen Entwicklung entstanden sein. Und er hat bislang nicht die Eigendynamik entwickeln können, die zu einer klaren Wechselstimmung vor Landtagswahlen gehört. Den Sozialdemokraten hat das Hickhack um die VW-Kontakte ihres Ministerpräsidenten zumindest nicht geschadet. Dass sich die Wähler am Ende in großer Zahl um ihren Landesvater scharen werden, ist allerdings auch nicht erkennbar.

Die Verlierer der Glaubwürdigkeitskrise in der niedersächsischen Politik stehen dagegen schon fest: Es sind die Grünen, die mit Durchhalteparolen an ihre Anhänger appellieren, aber in den Umfragen in den Keller rauschen. Und es sind die kleineren Parteien, die im Ringen um Aufmerksamkeit unterzugehen drohen. Der Parteiwechsel einer grünen Abgeordneten erzwingt Neuwahlen in Niedersachsen. Ministerpräsident Weil steht wegen seiner Nähe zu VW in der Kritik. Wie wirkt das alles auf die Wähler? Bleibt zu hoffen, dass sich die Gemüter in den kommenden Wochen wieder etwas beruhigen werden.

Ist der Landtag erst einmal aufgelöst, dürfte der Übertritt der Grünen-Abgeordneten Twesten zur CDU schnell zur Randnotiz werden. Und das Interesse der Opposition, den VW-Streit zum Skandal hochzujazzen, zeigt schon jetzt deutliche Ermüdungserscheinungen. Das bietet die Chance, nach der Bundestagswahl um die Fragen zu ringen, die die Niedersachsen tatsächlich berühren: Die Unterrichtsversorgung an den Schulen etwa, der Ausbau von Verkehrswegen und Internet oder die Innere Sicherheit. Alles Themen, die nicht neu sind. Aber um die zu streiten sich wirklich lohnt.

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