KARPFENTEICH

Hegemonie in Europa

Wenn Frankreich verletzt ist, besinnt es sich auf seine Geschichte…, auf die tausend Jahre, in denen Frankreich die kulturelle Hegemonie in Europa erlangte. Diese Epoche verkörpert Versailles, dort tagte, was selten vorkommt, der Kongress. An diesem Ort der Macht hat François Hollande heute Frankreichs Aufrüstung verkündet: mehr Polizisten und Grenzkontrollen – Frankreich wird uniformer. Gnadenlose Schläge gegen die IS-Schurken in Syrien im Schulterschluss mit den Alliierten, auch mit Putin – Frankreich wird militärischer. Mehr Mittel für Sicherheitsdienste und die Ausweisung von Gefährdern, auch wenn die Verfassung dafür angepasst werden muss – Frankreich wird kontrollierter.

Das ist verständlich, es ist notwendig – und es ist zu wenig. Denn der Präsident hat auch das gesagt: Auch wenn die jüngsten Menschenopfer der Terrorbande IS in Syrien geplant und in Belgien organisiert wurde, Franzosen haben Franzosen getötet. Schon wieder, hätte er hinzufügen müssen. Und hätte er sich an diesem historischen Ort erinnert, vielleicht hätte er nicht nur die Muskeln angespannt, sondern auch die Vernunft bemüht: Denn wenn von dem schlimmsten Massaker der französischen Nachkriegsgeschichte gesprochen wird, dann stimmt das nicht. Im Oktober 1961 erschossen, erschlugen und ertränkten französische Polizisten hunderte Algerier, die in Paris zwar behördlich nicht genehmigt, dennoch aber friedlich demonstrierten. Auch damals befand sich Frankreich im Krieg, der erst mit den Verträgen von Evian beendet werden konnte.

Dieser Teil der Geschichte ist bis heute verdrängt, genauso wie dieser Teil der Bevölkerung. Dass in französischen Vorstädten die Saat des Steinzeit-Islamismus gedeiht, kann nur den wundern, der nie seinen Fuß in die Banlieue gesetzt hat. Und hier sollten die Deutschen genau hinschauen: Wenn Architekten hierzulande, und sei es auch nur, weil es wegen der vielen Flüchtlinge schnell gehen muss, ungestraft ähnliche Gettos der Trostlosigkeit errichten werden, dann werden uns die gegenwärtigen Ausdrucksformen gescheiterter Integration wie Dummejungenstreiche vorkommen.

Der Präsident hat einen wichtigen Satz gesagt: Es findet kein Krieg der Zivilisationen statt, denn diese Terroristen vertreten keine Zivilisation. Frankreich sehr wohl. Das Land hat der Welt den politischen Begriff der Egalité geschenkt. Würde Frankreich sein institutionelles Kastenwesen überwinden, würden die feinen Mechanismen der Abschottung, die der Soziologe Pierre Bourdieu einst fast wie ein Archäologe freigelegt hat, kurz: würde Gleichheit gelebt, würden die Hassprediger immer häufiger ins Leere hetzen und könnte Frankreich den ratlosen Europäern als Vorbild dienen. Aber vielleicht kommt man auf solche Gedanken nicht in Versailles, dem Ort des Ancien Régime.

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