KARPFENTEICH

Das verzweifelte Europa

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Es ist die pure Verzweiflung mit sich selbst, die Europa antreibt. Trotzdem kann man schon vom schieren Zuschauen in Atemnot geraten angesichts des Tempos, das die EU da gerade vorlegt bei der Turnübung mit dem Namen: “Wir richten unsere Haltung zur Türkei neu aus”. Vom Kalte-Schulter-Zeigen übers laut vernehmliche Naserümpfen haben die Europäer es innerhalb weniger Tage vermocht, einigermaßen ansatzlos auf die Knie zu fallen – vor jenem Mann, den sie jedenfalls in letzter Zeit kaum eines Blickes würdigten, vor dem türkischen Präsidenten Erdogan.

Ohne dass der auch nur ein Komma des EU-Aktionsplans zu den Flüchtlingen hat verwirklichen müssen, ist er bereits reich beschenkt worden: Händeschütteln in Brüssel mit den EU-Spitzen, wie vor wenigen Tagen – das macht sich gut im Wahlkampf. Händeschütteln mit der deutschen Kanzlerin an diesem Wochenende in Ankara – das ist vielleicht sogar noch besser.

Nun birgt der Versuch, die zuletzt nicht existente Partnerschaft mit der Türkei wiederzubeleben, durchaus Chancen. Dass Erdogan nun angesichts der russischen Luftangriffe in Syrien aufzugehen scheint, dass sein Amtskollege Putin in Moskau vielleicht doch nicht für eine solide Beziehung taugt, ist ein gutes Zeichen. Vielleicht, ganz vielleicht, bewegt sich ja sogar etwas im Streit Türkei-Griechenland wegen Zypern…

Wenn die Europäer nun aber beginnen, sich zu sehr an Herrn Erdogan anzuschmiegen oder gar mit ihren Unterwerfungsgesten weiter machen, droht ihnen große Gefahr: Sie könnten sich nämlich den Ruf einhandeln, eine Art “Schönwetter-Wertegemeinschaft” zu sein. Fordert man Menschenrechte nur ein, solange es einem selbst in den Kram passt, und drückt man ein Auge oder auch zwei zu, sobald andere Themen – die Flüchtlinge in diesem Fall – wichtiger werden, wird man unglaubwürdig. Da muss die EU aufpassen.

Zumal sie in diesen dramatischen Tagen bislang nicht das Gefühl vermittelt, die Krise wirklich in den Griff zu bekommen. Ungarische Zäune zur Abwehr von Flüchtlingen, um nur ein Beispiel zu nennen, prägen die Berichterstattung. Der einzige Schlüssel, die wohl größte Herausforderung der EU jemals zu meistern, wäre im Wortsinn ein Schlüssel: eine faire Verteilungsquote nämlich. Dass die Europäer aber ausgerechnet in diesen Tagen Herrn Erdogan wiederentdecken, ist ein purer Akt der Verzweiflung – an sich selbst.

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