KARPFENTEICH

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Eines muss man Sahra Wagenknecht lassen: Sie versteckt sich nicht. Fünf Wochen vor dem Sprung an die Fraktionsspitze bekennt die linke Frontfrau Farbe. Der Euro funktioniert nicht, sagt sie, schlimmer noch: Er ist eine Gefahr für die Demokratie in Europa. Also weg mit der Gemeinschaftswährung, so der kaum verblümte Schlachtruf der designierten Fraktionschefin, die damit ihrem Lebensgefährten Oskar Lafontaine folgt, der erst vor vier Wochen im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL konstatierte: Der Euro ist gescheitert.

Sicher, es gibt gute Gründe, die Euro-Rettungspolitik der Troika zu kritisieren. Die einseitigen Sparauflagen, die Rentenkürzungen und Steuererhöhungen, die die Gläubigerstaaten insbesondere Griechenland zugemutet haben. Gut bekommen sind die bisherigen Hilfsprogramme dem Land nicht, es steckt nach wie vor tief in der Krise – von Wachstum keine Spur und damit auch keine Aussicht, jemals vom Schuldenberg herunter zu kommen.

Was fehlt, ist eine Strategie, wie das Land wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen kann. Dazu sind Investitionen notwendig, aber auch grundlegende strukturelle Reformen, eine funktionierende Steuerverwaltung zum Beispiel und weniger Korruption.

Dass das alles besser gelingen könnte, wenn der Euro beseitigt und die Drachme wieder eingeführt wäre, ist reines Wunschdenken. Armut und Verelendung sind auch für Gregor Gysi, den noch amtierenden Fraktionschef, die wahrscheinlicheren Aussichten, sollte Griechenland zu einer nationalen Währung zurückkehren.

Aber Wagenknecht geht es ja nicht um Griechenland allein. Die europäische Einigung an sich steckt tief in der Sackgasse, findet sie, mit einer Währung, die die Starken immer stärker und die Schwachen immer schwächer mache. Immer mehr Kompetenzen werden nach Brüssel verlagert, die nationalen Regierungen hätten nichts mehr zu melden. Das ist eine europaweite Abschaffung der Demokratie durch die Hintertür, schimpft Wagenknecht.

Schöner hätten auch die rechtspopulistischen Euro-Gegner der AfD ihre Abscheu gegenüber der Gemeinschaftswährung nicht formulieren können. Für viele Genossen dürfte diese geistige Nähe schwer zu ertragen sein. Denn bei aller Kritik an Euro-Rettungsprogrammen und Sparauflagen war doch für die meisten stets klar: Europa muss zusammenwachsen, nicht auseinanderrücken. Wir brauchen mehr europäische Zusammenarbeit, nicht weniger.

Sahra Wagenknecht sieht das offenbar ganz anders und drängt nun auf eine grundlegende Kurskorrektur, will sich stark machen für ein anderes Währungs- und Finanzsystem. Aber was heißt das? Zurück zu Drachme und Lira, D-Mark und Franc? Zurück zu Grenzposten und nationaler Eigenbrötlerei? Wenn das die Antworten Wagenknechts auf die Herausforderungen in Europa sind, dann gute Nacht, Linkspartei.

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