KARPFENTEICH

Griechenland – Atemlos

Die Beatmung des Patienten wird fortgesetzt. Wer wissen will, was Politik ist, muss sich nur das Ergebnis der letzten Nacht, des frühen heutigen Morgens anschauen. Schon beim zweiten Griechenland-Paket wurde das kleine Einmaleins außer Kraft gesetzt, dieses Mal ist es das große. Die Eurogruppe hat sich entschlossen, die Fiktion aufrecht zu erhalten, dass Griechenland dem Euroverbund auf Dauer gewachsen ist, und damit eine politische Idee über die Realität gestellt.

Das kann man machen, das ist sowohl legal als auch legitim. Am Tisch saßen und sitzen ausschließlich demokratisch gewählte Staats- und Regierungschefs. Die Bundeskanzlerin, die ja gern den Maßstab ihrer Politik mit dem Satz erläutert, “Politik beginnt mit dem Betrachten der Realität”, musste und muss anerkennen, dass es in diesem Fall etwas Stärkeres gibt als die Realität. Die Folge ist, dass die Euroländer dem schlechten, dem bereits verlorenen Geld gutes, weil neues, hinterher werfen.

Athen kann sich bei Paris bedanken, denn der Kanzlerin war ein offener Bruch mit Frankreich kein akzeptabler Preis für ein deutsches Nein. Und deshalb gilt in diesem Fall der Satz: Bis hier und so weiter, zu höheren Preisen allerdings. Die Griechen selbst werden diesen sogenannten Kompromiss noch bedauern, denn in drei Jahren werden die 82 Milliarden aufgezehrt sein, ohne dass das Land in der Lage wäre, ohne weitere Beatmung auszukommen.

Viel dramatischer ist jedoch diese Konsequenz: Sollte Italien, dessen Verschuldungsquote bei etwas über 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angekommen ist, nach Luft schnappen, wird niemand Rom das verweigern, was Athen jetzt bekommt. Dann wird es jedoch nicht nur teuer, sondern unbezahlbar, sogar für Deutschland.

Und in Berlin? Wer glaubt, die Unions-Bundestagsfraktion wird ihre Kanzlerin blamieren und nur mit viel Ach und noch mehr Krach eine hauchdünne Mehrheit produzieren, täuscht sich. Die üblichen Verdächtigen sind namentlich bekannt, ein paar werden dazu kommen, und es wird auch noch persönliche Erklärungen geben. Das wird es dann gewesen sein. Angela Merkel ist für ihre Fraktion und Partei viel zu wertvoll für Extratouren. Und auf Fraktionschef Kauder kann sie sich verlassen, der kann nämlich durchaus den Wehner geben, wenn’s nötig ist.

Es ist im Übrigen auch sinnlos, sich gegenseitig noch mal vorzurechnen, wie richtig oder falsch das alles ist. Dem Triumph einer politischen Idee ist der Rechenschieber nicht gewachsen.

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