KARPFENTEICH

Zuletzt hat die griechische Linksregierung eine bemerkenswerte Zuverlässigkeit an den Tag gelegt. Der Hilfsantrag an den Rettungsschirm ESM wurde fristgerecht eingereicht, und auch die lang erwartete Reformliste aus Athen fand sich gestern Abend pünktlich im elektronischen Postfach der Ex-Troika wieder. Detailliert, umfassend und mit Zahlen unterlegt – so wie sich das die internationalen Geldgeber seit langem wünschen.

Dass sich die griechische Regierung jetzt penibel an Abmachungen hält, dürfte vor allem zwei zentrale Gründe haben: Das Ultimatum der Gläubiger hat Wirkung gezeigt. Alexis Tsipras musste sich am Ende entscheiden: Stößt er die eigenen Bürger und manche Parteimitglieder vor den Kopf, indem er sich zu umfangreichen und zuvor per Volksentscheid abgelehnten Reformen bereit erklärt, oder hält er stur Kurs und riskiert damit den Austritt aus dem Euro.

Gleichzeitig, und das dürfte vermutlich noch schwerer wiegen, stehen Wirtschaft und Gesellschaft kurz vor dem Kollaps. Die eingeführten Kapitalverkehrskontrollen lasten schwer auf Griechenland. Und sollte bis Sonntag keine Lösung gefunden werden, dürfte die Europäische Zentralbank schnell den Geldhahn zudrehen – mit unabsehbaren Konsequenzen für das ganze Land.

Deshalb also hat Athen jetzt geliefert, wenn auch nicht so, wie von den Geldgebern erhofft. Denn die Reformliste bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurück. So kalkuliert Athen etwa mit Haushaltsüberschüssen in den nächsten Jahren, die angesichts der schwierigen Wirtschaftslage kaum zu erreichen sein dürften, was wiederum bedeutet, dass die finanziellen Hilfen am Ende deutlich höher ausfallen werden als bislang kalkuliert.

Auch die vom Internationalen Währungsfonds geforderten Schuldenerleichterungen dürften noch für erheblichen Streit zwischen den Eurofinanzministern, aber auch mit dem IWF selbst sorgen. Nicht nur für Berlin gilt ein Schuldenschnitt als sakrosankt, auch die baltischen Staaten lehnen einen solchen Schritt kategorisch ab. Insofern wird es am Ende allenfalls kosmetische Korrekturen geben, etwa durch eine neuerliche Streckung der Rückzahlungsfristen für die gewährten Kredite.

Dennoch hat die griechische Regierung nach Monaten des ideologisch motivierten Zögerns und Zauderns die Kehrtwende eingeleitet. Das werden letztlich auch die Eurofinanzminister honorieren, zumal der Wunsch bei einigen nach einer baldigen Verhandlungslösung weitaus größer ist als die Durchsetzung von Prinzipien.

Es wird kein fauler Kompromiss sein, den die Finanzminister morgen wohl beschließen werden. Doch Griechenland wird noch jahrelang wie ein Mühlstein an dieser Währungsunion hängen. Gleichzeitig zahlt die Eurozone auch politisch einen hohen Preis.

Die persönlichen Anfeindungen und die demonstrative Gleichgültigkeit gegenüber Regeln und den Reformanstrengungen der anderen ehemaligen Programmländer durch die Tsipras-Regierung – all das hat bleibenden Schaden angerichtet.

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