KARPFENTEICH

Grexit

Es ist wirklich nicht normal, was sich derzeit in Brüssel abspielt: Jeder Tag ein neuer letzter Höhepunkt. Jedes Mal eine neue letzte Frist, so wie auch gestern Abend wieder. Diese Griechenland-Verhandlungen sind zum Davonlaufen, unbestreitbar.

Und dennoch können wir uns froh und glücklich schätzen, dass bisher keiner der Beteiligten diesen letzten Schritt gegangen ist. Denn Griechenland aufzugeben, das Land sang- und klanglos in die Pleite und damit letztlich aus dem Euro rauschen zu lassen, käme politisch und ökonomisch einer Bankrotterklärung gleich.

Von der vielgerühmten Währungsunion als Schicksalsgemeinschaft wäre dann jedenfalls nicht mehr viel übrig, was wiederum kein gutes Zeichen weder nach innen noch nach außen wäre. Der Rauswurf erfolgte vielleicht nicht gerade beim ersten kleinen Problemchen, wohl aber auch nicht im Angesicht des vermeintlich gemeinsamen Untergangs.

Und wer in Deutschland möchte sich ernsthaft beruhigt zurücklehnen, während in Griechenland eine humanitäre Katastrophe ihren Lauf nimmt? Allein die Vorstellung erscheint so schief und schräg, dass es schon wehtut.

Also muss gelten, was EU-Kommissionschef Juncker gestern so treffend im EU-Parlament erklärte: In Europa verhandelt man bis zur letzten Millisekunde. Die vielgescholtene Konsensmaschine bleibt in Betrieb, und zwar genau so lange, bis nichts mehr geht. Im Falle Griechenlands wäre das spätestens Ende der Woche, pünktlich zum Super-Sondergipfel, falls die Regierung Tsipras bis dahin schon wieder nichts geliefert haben sollte. Denn einen Kompromiss kann es nur geben, wenn wirklich alle 19 Eurostaaten daran beteiligt werden.

Ob die griechische Regierung dies begriffen hat, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Keinesfalls sollte sie meinen, dass die Verhandlungen an sich schon ein Garant für eine Einigung wären. Der Rest der Eurostaaten pocht zurecht darauf, dass Griechenland sich fundamental ändern muss hin zu einem Land, das irgendwann einmal wieder für sich selbst und seine Bevölkerung sorgen kann. Jeder andere Deal würde der Währungsunion schaden.

Deshalb braucht es neben dem festen Willen, den Grexit zu verhindern, doch gleichzeitig auch einen guten Ausstiegsplan für den Fall, dass Europas Konsensmaschine am Ende doch versagen sollte.

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