KARPFENTEICH

Sterbehilfe in Europa

Ethische und juristische Urteile bewegen sich bei der Sterbehilfe immer an der Grenze dessen, was man überhaupt mit Sicherheit behaupten kann. Oder anders gesagt: Zu sicher sollte sich niemand sein, wenn er sein Herz und seinen Verstand in diesen Grenzfragen des Lebens und der Medizin nutzt.

Der Europäische Gerichtshofs für Menschenrechte hat dennoch ein Urteil über die Sterbehilfe für einen querschnittsgelähmten Wachkoma-Patienten in Frankreich gewagt – es ist ein Spruch, der mal wieder zeigt, in welche Dilemmata die europäischen Gesellschaften und natürlich auch ihre obersten Richter bei diesem Thema fast automatisch kommen. Zwar kann es ethisch zu rechtfertigen sein, dass man die künstliche Ernährung eines Menschen beendet, der seit Jahren im Wachkoma liegt. Denn der schon begonnene Sterbeprozess wird dadurch offenbar nur verkürzt. Hier von “Euthanasie” zu sprechen, wie die Eltern des Patienten es nennen, zu reden, ist unangebracht. Andererseits kennt die Medizin unfassbare Geschichten der Mehr-oder-Weniger-Genesung von Wachkoma-Patienten. Das Urteil des Gerichtshofs bewegt sich also auf sehr dünnem Eis. Es ist tragisch.

Dass in der Familie des Patienten selbst ganz unterschiedliche Ansichten darüber bestehen, wie weiter mit ihrem Angehörigen zu verfahren sei, verdeutlicht, dass das Urteil nie alle zufriedenstellen kann. Dies eingedenk, wäre trotzdem zu fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist, dass die europäische Ebene in diesen Fragen letztgültige Urteile fällt. Zu unterschiedlich sind immer noch in Europa die geschichtlichen, gesellschaftlichen und religiösen Traditionen und Voraussetzungen. Zu wenig entwickelt ist noch ein gemeinsamer europäischer Werteraum, trotz der langen gemeinsamen Geschichte, trotz der ursprünglichen übergreifenden Prägung durch das Christentum in fast allen Staaten.

Das Fehlen einer auch in wichtigen gesellschaftlichen Einzelfragen tragenden gemeinsamen Wertebasis in Europa ist zu bedauern – aber vielleicht ist die Zeit dafür einfach noch nicht reif. Dieses Manko des Alten Kontinents muss nicht so bleiben, aber noch ist es da. Und das hat Folgen. Erinnert sei nur an die ganz unterschiedlichen Regeln etwa in Sachen Abtreibung oder Homo-Ehe. Auch beim Thema Sterbehilfe findet sich ein Flickenteppich ganz unterschiedlicher Regeln in Europa – sehr weit geht man in Belgien in Sachen Sterbehilfe, im Nachbarland Deutschland ist man viel restriktiver, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Deshalb kann man sicher davon ausgehen: Das Urteil des Gerichtshofs in Straßburg wird nicht sein letztes Urteil in der elenden Frage der Sterbehilfe sein. Ein europäischer Konsens in diesen Grenzbereichen der Ethik wird es noch lange nicht geben – und vielleicht gibt es ihn auch nie. Wir Europäer werden damit wohl leben müssen.

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