KARPFENTEICH

Manchmal hilft ein Blick in die Vergangenheit: Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, am 9. Mai 2005, vor zehn Jahren also, rollte kein einziger Panzer über den Roten Platz. Russland verzichtete vollständig auf Kriegsgerät. Ja, Soldaten marschierten, aber im Mittelpunkt standen die Veteranen. 5.000 fuhren auf offenen Wagen am Kreml vorbei, sie winkten mit roten Nelken, und die Fernsehkameras zeigten minutenlang Gesichter von Frauen und Männern, die den ganzen Schrecken des Weltkrieges noch erlebt haben. Das waren berührende Bilder, und vor allem ging es um Menschen.

Und heute? Waffen und Formationen, Panzer und Raketen. Und das liegt nicht nur daran, dass 2015 nur noch wenige Veteranen am Leben sind. Die Bildregie zeigte bei der landesweiten Übertragung der Parade im russischen Fernsehen kaum Gesichter, stattdessen Kriegsgerät. Die Botschaft ist klar: Russland setzt im Jahr 2015 auf militärische Macht. Kein Wunder, dass von den alliierten Siegermächten, mit denen die Sowjetunion damals gemeinsam die Naziherrschaft bezwang, niemand kam. Und auch von anderen demokratischen Staaten, mit denen Russland 2005 noch partnerschaftlich verbunden war, war niemand da.

Auf der Tribüne am Roten Platz saßen damals George Bush, Gerhard Schröder, Silvio Berlusconi, der Premierminister Japans und viele andere. Putin saß auf der Tribüne neben dem US-Präsidenten und tätschelte ihm freundlich den Arm. Heute hielt er sich an Xi Jinping. Bei allem Respekt für die aufstrebende Weltmacht China – das ist ein Abstieg. Russland ist isoliert, das konnten auch die russischen Reporter und die Kameraregie kaum kaschieren.

Auch die Reden Putins unterscheiden sich grundlegend. 2005 sagte er noch, Russland sei bereit, “mit seinen nächsten Nachbarn und mit allen Staaten der Welt Beziehungen aufzubauen, die die Lehren der Geschichte beherzigen.” Und weiter: “Wir richten unsere Politik an den Idealen von Freiheit und Demokratie aus, auf dem Recht jedes Staates, seinen Weg selbst auszuwählen.” Er sprach von der “historischen Versöhnung” zwischen Russland und Deutschland, die er für eine der größten Errungenschaften im Nachkriegseuropa halte.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute gab es nur einen kurzen Hinweis auf das Mitwirken der Alliierten am Sieg über Hitler. Dann warf Putin nicht benannten Kräften vor, internationales Recht zu verletzen, eine unipolare Welt zu schaffen und in militärisches Blockdenken zu verfallen. Er meinte die USA und die NATO.

Der 70. Jahrestag des Kriegsendes ist nicht der richtige Zeitpunkt, darüber zu urteilen, wer diese Konfrontation herbeigeführt hat. Aber allein die Tatsache, dass ein Land in Europa heute wieder die Chuzpe hat, in ein Nachbarland einzumarschieren, ist erschreckend.

Bei aller Skepsis und Kritik gab es ein bewegendes Moment auf dem Roten Platz: Eine Schweigeminute. Zum ersten Mal im Rahmen der Parade. Dem Präsidenten zitterte die Stimme, als er sie ankündigte. Das Militärspektakel dauerte über eine Stunde. Die Schweigeminute leider nur 60 Sekunden.

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