KARPFENTEICH

100 Tage sagen viel und gar nichts. Nach 100 Tagen Mindestlohn lässt sich sagen, dass alle Horrorszenarien, die Arbeitgeber, unterstützt von Wirtschaftsforschern, an die Wand gemalt haben, erst einmal ausgeblieben sind… Von Einbrüchen auf dem Arbeitsmarkt keine Spur, von abgewürgter Konjunktur erst recht nicht. Die Kontroverse um das in den Augen der SPD wichtigste Projekt dieser Legislaturperiode war weit aufgeregter, als es der Mindestlohn-Realität entspricht.

Gut, der Mindestlohn gräbt, wie es aussieht, dem Minijob das Wasser ab… Allerdings darf sich die Trauer darüber in engen Grenzen halten: Die deutliche Zunahme in den Jahren zuvor war ein eher kritisch zu sehendes Phänomen. Bilanz der ersten 100 Mindestlohn-Tage ist daher schon einmal: Es gibt kein ökonomisches Desaster, es gibt keine Job-Vernichtung, es gibt keine Pleitewelle unter Taxi-Unternehmen, Gastronomen, kleinen Hotelbetrieben. Das lässt sich sagen.

Was sich aber nicht sagen lässt, was diese ersten 100-Mindestlohn-Tage schlicht nicht hergeben, ist Folgendes: Hat denn eine nennenswerte Zahl von Beschäftigten am unteren Rand des Einkommensspektrums wirklich mehr Geld in der Tasche? Oder wurde massenhaft getrickst, um den
Mindestlohn zu umgehen? Wurden einfach Arbeitsstunden reduziert, um die Personalkosten unterm Strich eben doch nicht zu steigen zu lassen? Wird, was früher ein Zuschlag war, nun fix in den Mindestlohn hineingerechnet?… Und die ganz große Frage lautet: Wie wird sich der Mindestlohn erst auswirken, wenn das konjunkturelle Umfeld schwächer und die Arbeitsmarktlage wieder angespannter werden? Das alles lässt sich schlicht nicht sagen nach den ersten 100 Tagen.

Aber lernen lässt sich etwas: Erstens, dass es der sehr deutschen Erregungsdebatten-Kultur ganz gut tun würde, mit Horrorszenarien etwas sparsamer zu sein. Hat einer der Bedenkenträger von vor 100 Tagen eigentlich registriert, dass sich die Amerikaner in Richtung 15 Dollar Mindestlohn bewegen? Zweitens aber: Auch bei den Gerechtigkeitsverheißungen ist mehr Zurückhaltung angebracht. Trotz Mindestlohn – von guter, auskömmlicher Arbeit sind viele Geringverdiener immer noch weit entfernt. Das aber muss die Messlatte sein für den Mindestlohn.

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