KARPFENTEICH

So brüsk wie jetzt in den Antworten auf die griechischen Reparationsforderungen haben es deutsche Regierungsvertreter wohl in der gesamten Nachkriegszeit nicht gewagt, einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit zu ziehen. Die Härte, mit der Deutschland jede Verhandlung über das Thema verweigert, wurde durch die rohen Drohgebärden und Nazi-Karikaturen provoziert, mit der in Athen die Fragen der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen mit den gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die Hilfsprogramme für Griechenland verquickt werden.

Doch was aus deutscher Sicht nicht zusammengehört, ist für viele Griechen nach wie vor untrennbar miteinander verbunden. Die Syriza-Bewegung von Alexis Tsipras definiert sich aus der Tradition des Partisanenkampfes gegen die deutsche Besatzung und des kommunistischen Wiederstandes gegen die Obristen-Diktatur der späten 60er- und 70er-Jahre. Manche derer, die Anfang dieses Jahres mit Tsipras und Yannis Varoufakis in die Schlüsselpositionen der Athener Ministerien eingezogen sind, haben in dieser Zeit in Deutschland studiert und wurden politisch im K-Gruppen-Milieu der Universitäten von Marburg, Gießen oder Darmstadt sozialisiert.

Ihre damaligen Mitstreiter aus Deutschland traten den Weg durch die Institutionen der Bundesrepublik an, bewegten sich über die Grünen in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft und landeten – das Hemd stets sorgfältig in feinen Zwirn gesteckt – auf Ministerbänken in Bund und Ländern. Diese bis weit in die politischen Extreme reichende Integrationskraft der deutschen Nachkriegsgesellschaft hat das politische System Griechenlands nie entwickelt.

Alexis Tsipras und seinen Syriza-Leute konfrontieren Deutschland jetzt mit politischen Posen, revolutionären Gesten und einer antifaschistischen Rhetorik, die in Griechenland in einer ungebrochenen Kontinuität aus der Nachkriegszeit in die Gegenwart wirken. In deutschen Ohren klingt das, was man jetzt aus Athen zu hören bekommt, fremd und aus der Zeit gefallen. Eine angemessene Antwort aber wird nur geben können, wer versteht, dass es hier nicht allein um taktische Winkelzüge im Streit um die Hilfsprogramme geht.

Die Chancen, die es im Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich, Israel, Polen und anderen Ländern gab, die Vergangenheit gemeinsam aufzuarbeiten, hatten Deutsche und Griechen nicht. Als Theodor Heuss 1956 zu seinem ersten Staatsbesuch ins Ausland reiste, hatte er sich Griechenland als Ziel gewählt. “Glücklicherweise” – so hatte ihm das Auswärtige Amt vorher wörtlich erläutert – seien die “Begebenheiten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges” dort durch die “Grausamkeiten des Bürgerkrieges überdeckt”, der Griechenland in den Nachkriegsjahren blutig gespalten hatte.

Die Bonner Diplomaten hatten sich in ihrem vermeintlichen Glück getäuscht: Die Erinnerung an die deutschen Gräuel war in Griechenland trotz Krieg, Diktatur und innerer Krisen immer lebendig geblieben. Heute zahlen Deutsche und Griechen die Rechnung dafür, dass sie diese Vergangenheit nie angemessen aufgearbeitet haben.

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