KARPFENTEICH

Nein, ich glaube nicht an diese Medizin. Der Euroraum leidet darunter, dass einzelne Länder mehr ausgeben als sie verdienen. Das Medikament, das Mario Draghi dagegen vom Montag an verabreichen will, heißt: Dann erleichtern wir ihnen doch das Schuldenmachen. Das ist so, als würde ein Alkoholiker zum Freibier eingeladen. Es ist genauso, als würde ein Junkie mit kostenlosem Stoff versorgt, damit er für die nächste Spritze nicht mehr klauen gehen muss. Es ist auf jeden Fall die falsche Medizin.

Natürlich gibt es jetzt welche, die Mario Draghi, diesem Teufelskerl, gratulieren. Und natürlich haben sie Argumente auf ihrer Seite, die in den Ohren der Gelddrucker aus Frankfurt prima klingen mögen: Der Mann hält die Zinsen niedrig und erleichtert damit die Kreditvergabe. Keine Bank soll einen Unternehmer ausbremsen, indem sie, anstatt ihm einen Kredit zu gewähren, das Geld lieber unproduktiv zu einem ordentlichen Zinssatz anlegt.

Der Mann bringt den Eurokurs nach unten und sorgt damit für einen Konjunktur-Turbo, der durch staatliche Investitionsprogramme nur ungleich teurer zu erkaufen wäre. Jeder Exporteur im Euroraum wird ihm dafür auf Knien danken.

Und nicht zu vergessen: Draghi ölt vor allem die Scharniere der Wirtschaft – nämlich die Banken. Sie haben sich mit Staatsanleihen vollgesogen und die EZB sorgt nun durch ihr Ankaufprogramm dafür, dass der Wert dieser Anleihen noch steigt. Das hilft jeder Bankbilanz und glättet die Sorgenfalten einer ganzen Branche.

Es gibt natürlich auch die Nachdenklichen, die vorsichtig von Draghis großem Experiment sprechen, die auf vergleichbare Programme der US-Notenbank verweisen und feststellen: Bei aller Schwierigkeit, die beiden Systeme zu vergleichen – in den USA sind die Ankaufprogramme derzeit von Erfolg gekrönt. Die Nachdenklichen warnen zwar vor der Geldpolitik mit der Brechstange, sie räumen aber ein, dass der Einsatz einer solchen Brechstange mitunter zum Ziel führt. Die seit einigen Wochen ganz langsam ansteigenden Wachstumsraten im Euroraum bestätigen die These noch. Ich lehne das alles ab. Ich behaupte: Draghi ist kein Teufelskerl, sondern er ist des Teufels. Die EZB-Politik des unbegrenzten Geldausgebens belastet Sparer. Sie trifft damit eine Kerntugend, die Deutschland erfolgreich gemacht hat… Der Mann ist des Teufels, weil er unsere Altersvorsorge zu einem Witz macht, über den aber keiner mehr lachen kann. Jeder Staat im Euroraum hält seine Bürger an, selbst für ihr Alter vorzusorgen. Die EZB unterwandert diese Aufforderung, weil sie allen Sparprodukten, die auf sicheren Zinsen beruhen, das Wasser abgräbt. Der Zins, der unsere Rentenkonten füllen sollte, hat sich in Luft aufgelöst. Wenn der Italiener Mario Draghi einst seine eigene Rente in der Toskana verfrühstückt, sitzt er dort als einsamer Mann, weil sich die übrigen Europäer diesen Traum im Alter nicht mehr leisten können. Die EZB schafft mit ihrer Politik ein Meer von armen Ruheständlern. Schließlich meine ich: Die EZB-Entscheidung verhindert Reformen dort, wo sie dringend sein müssen. Staaten können weiter über ihre Verhältnisse leben, und die Banken helfen ihnen dabei… Nein, ich glaube nicht an Draghis Droge. Vielleicht hebt sie für den Moment die Stimmung, aber ehrlich gesagt: Mir graut jetzt schon vor dem Kater.

Tweet about this on TwitterShare on Facebook0Share on Google+0Share on LinkedIn0
Author :
Print