KARPFENTEICH

Ein Verlierer der Griechenland-Wahl heißt Jean-Claude Juncker. Der EU-Kommissionschef wollte die berühmte Eule nach Athen tragen und Griechenlands Wählern allen Ernstes erklären, welche Wahl die einzig weise und vernünftige sei. Juncker zog dazu alle Register der Öffentlichkeitsarbeit… Doch Junckers Beitrag zur Wählermanipulation lief ebenso ins Leere wie die Drohung der Merkel-Regierung, zur Not gehe es in der Eurozone auch ohne die Griechen.

Südeuropa emanzipiert sich von den Einflüsterern aus Brüssel und Berlin. Der Wahlsieg von Alexis Tsipras bedeutet nicht nur einen neuen Premier für Griechenland und einen harten Konfrontationskurs mit den internationalen Kreditgebern. Der Tsipras-Erfolg verändert vielmehr auch die politische Landkarte Europas. Die Koalition von Links- und Rechtspopulisten in Athen verleiht den Anti-Establishment-Parteien der Linken und Rechten Flügel, ob in Spanien, wo in diesem Jahr gewählt wird, oder in Portugal und Finnland. Außerdem schürt der Tsipras-Wahlsieg die EU-Aversion in Großbritannien, wo ebenfalls Wahlen anstehen und vielleicht schon bald ein Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreiches in der Europäischen Union entscheidet.

Tsipras vergrößert den Riss zwischen Europas Süden und Norden: Weil sich die baltischen Staaten, allen voran der Euroneuling Litauen und der Sparmeister Lettland natürlich fragen, warum sie sich eigentlich strikt an Sparvorschriften der EU hielten und den Gürtel noch weit enger schnallen als es Athen je für nötig hielt. Während ausgerechnet Griechenlands Linkspopulisten im Wahlkampf nichts Besseres einfiel, als auf einen Schuldenerlass zu drängen, statt auf eine konsequente Besteuerung jener rund 2.000 griechischen Familien, denen 80 Prozent des gesamten Vermögens gehört.

Die Kernfrage ist nicht, ob Griechenland den Euro aufgeben und zur Drachme zurückkehren muss, sondern was der Euro noch wert ist, wenn die Tsipras-Ideologie von hemmungsloser Staatsverschuldung und aufgeblähtem öffentlichen Dienst im gesamten Südeuropa Schule macht. Nicht nur Jean-Claude Juncker hat die Griechenlandwahl verloren, sondern die gesamte Europäische Union.

Tweet about this on TwitterShare on Facebook0Share on Google+0Share on LinkedIn0
Author :
Print