KARPFENTEICH

Eigentlich passt es gut in den Trend: Die Hälfte aller 60- bis 64-Jährigen arbeitet. Mal abgesehen davon, dass immer noch viel zu wenig Menschen über 60 eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, ist dennoch nachvollziehbar, dass die Regierung den positiven Trend heute stolz verkündet hat. Es ist ein Anfang, und schließlich lässt die älter werdende Gesellschaft gar nichts anderes zu: Wir sollten und wir müssen länger arbeiten. Immer mehr Ältere würden sogar gern auch jenseits der gesetzlich festgelegten Altersgrenze arbeiten und verstehen nicht, warum mit 65 Schluss sein soll.

Was weniger passt, sind die Versuche, gleichzeitig Menschen schon mit 63 abschlagsfrei in Rente zu schicken. Das ist sozialdemokratische Klientel-Streichelei, wird aber einer Gesellschaft nicht gerecht, die mit ihrem demografischen Problem solidarisch umgehen sollte. Insofern geht die Rentenreform in die falsche Richtung, wie sich auch heute am Rentenbericht ablesen lässt. Im Moment verfügt die Rentenversicherung noch über hohe Rücklagen. Das aber wird sich ändern, wenn die als Reform getarnten Wahlgeschenke in den kommenden Jahren zu Buche schlagen. Viel mehr Menschen als gedacht haben die abschlagsfreie Rente mit 63 beantragt; sie wird somit viel mehr kosten, als die Regierung mit rund zwei Milliarden Euro pro Jahr prognostiziert hat. Das belastet die Rentenkasse ebenso wie die gut gemeinte, aber entsetzlich teure Mütterrente, die allein im kommenden Jahr 6,8 Milliarden Euro verschlingen wird.

Damit gerät das Rentensystem immer weiter in die Schieflage. Längst ist klar, dass die gesetzliche Rente allein in Zukunft nicht mehr ausreicht, um im Alter den erworbenen Lebensstandard zu halten. Auch wenn 2016 die Bezüge für die jetzigen Rentnerinnen und Rentner um über vier Prozent steigen sollen – das ist nur eine gut klingende Prognose, die sich immer wieder korrigieren lässt. Ähnliches gilt für den Beitragssatz: Ab 2015 müssen wir weniger einzahlen in die Rentenkasse, 0,2 Prozent vom Bruttolohn, was sich nach einer Schonfrist schnell wieder ändern wird – wie auch nicht? Irgendwo müssen die Euros für die Milliardenausgaben ja herkommen.

Es wäre wünschenswert, nein, es tut Not, dass eine Regierung in Dekaden denkt und nicht in Legislaturperioden. Wir brauchen nicht immer mehr Menschen, die immer früher in Rente gehen, sondern immer mehr, die länger im Job bleiben. Zumindest die, die wollen, sollten nicht mehr an der starren Altersgrenze scheitern müssen, sondern die Rentenkasse weiter füttern dürfen, damit der Generationenvertrag nicht vollends zum Selbstbedienungsladen für die Alten verkommt, sondern für die Jungen wieder ein existenzsicherndes Projekt sein kann.

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