KARPFENTEICH

Der Atommüll in Europa

Was für eine Überraschung, wer hätte das gedacht! Ganz plötzlich gibt es ungefähr doppelt so viel Atommüll, den wir irgendwie, und das möglichst endlos lange, entsorgen müssen. Rund 300.000 Kubikmeter mehr als bislang berechnet – wie kann denn so was passieren?

Nein, die Menge des atomaren Schrotts ist nicht plötzlich angewachsen, keine neu entdeckten Fässer mit atomaren Altlasten. Es war alles längst bekannt. Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil. Mit dem Entwurf eines nationalen Entsorgungsplans versucht es die Bundesregierung jetzt mit einer neuen Ehrlichkeitsoffensive, und das ist zumindest ein positiver Anfang bei diesem endlos strahlenden Problem.

Dass in der Asse, dem maroden Bergwerk bei Wolfenbüttel, 200.000 Kubikmeter Atommüll mehr schlecht als recht abgekippt wurden, ist bekannt. Genauso wie die Tatsache, dass der radioaktive Müll rausgeholt und sicher endgelagert werden muss. Auch ist es keine Überraschung, dass bei der Urananreicherung in Gronau mindestens 100.000 Kubikmeter radioaktive Abfälle anfallen, die bislang allerdings als sogenannte Wertstoffe weggedrückt wurden. Dies ist der entscheidende Punkt aus dem Entsorgungsplan der Bundesregierung. Wie von Umweltinitiativen seit langem gefordert, werden nun die Abfälle aus der Urananreicherung endlich als das bezeichnet, was sie sind – als radioaktiver Atommüll, der sicher zu lagern ist. Diese Erkenntnis ist klar zu begrüßen, auch wenn sie lange überfällig ist.

Die Fehler der Vergangenheit holen uns immer wieder ein, ob in der strahlenden Asse bei Wolfenbüttel oder im gut gefüllten Zwischenlager in Gorleben. Die Verantwortungslosigkeit, auf die Atomenergie zu setzen, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wie mit den Folgen umzugehen ist, diese Verantwortungslosigkeit wird uns noch Jahrzehnte Kopfzerbrechen bereiten.

Da passt es leider wie die Faust aufs Auge, dass nach Recherchen des NDR heute bekannt wurde, dass in Deutschland weitaus mehr beschädigte Atommüllfässer lagern als bisher angenommen. Fast 2.000 rostige, tickende Zeitbomben! Das alles macht deutlich: Es besteht Handlungsbedarf und zwar dringender, zügiger Handlungsbedarf. Es müssen Ergebnisse her, handfeste Kriterien für die sichere Lagerung unserer atomaren Altlasten. Und das noch in dieser Legislaturperiode, bevor sich die politischen Mehrheitsverhältnisse möglicherweise verändern und alles wieder ins Stocken gerät.

Lange genug wurden die Probleme der Atommüllendlagerung ignoriert und in die Zukunft verschoben. Insofern können die neuen Berechnungen über den tatsächlich anfallenden Atommüll nur eines sein – ein erster kleiner Schritt hin zu mehr Ehrlichkeit. Weitere Schritte müssen aber zwingend folgen.

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