KARPFENTEICH

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führt laut Redemanuskript anlässlich der Gedenkveranstaltung am 9. November 2014 in der Gedenkstätte Berliner Mauer und der Eröffnung der neuen Dauerausstellung „Berlin 1961 | 1989. Die Berliner Mauer“ aus:

Wir sind an einem der Brennpunkte der geteilten Stadt zusammengekommen. Als der SED-Staat am 13. August 1961 die Teilung buchstäblich zementierte, hat die Bernauer Straße traurige Berühmtheit erlangt. Erschütternde Bilder gingen um die Welt. Sie zeigen verzweifelte Menschen, die in letzter Sekunde aus dem Fenster sprangen, um in den Westen zu gelangen. Noch heute berühren uns diese Szenen zutiefst. Sie dokumentieren die Unmenschlichkeit der Mauer. Aber sie zeugen auch vom Freiheitsdrang der Berlinerinnen und Berliner in Ost und West.

Mindestens 136 Menschen wurden an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989 getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben.
Wir verneigen uns vor den Opfern der Mauer und vor den vielen Menschen, die als Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft in der DDR und allen Ländern des ehemaligen Ostblocks unermessliches Leid erfahren haben.

Heute – 25 Jahre nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 – fragen sich viele Menschen – Gäste und auch jüngere Berlinerinnen und Berliner:

Wo verlief eigentlich die Mauer?
Hättet ihr nicht mehr von der Mauer stehen lassen können?
Sie hat jahrzehntelang brutal die Stadt geteilt.
Sie gehört doch zu Eurer, zu unserer Geschichte!

Das ist richtig. Aber wir alle waren froh, dass sie gefallen ist und die Menschen konnten und wollten sie nach 1989 nicht mehr sehen.

Inzwischen hat der Berliner Senat ein umfangreiches Konzept zur Erinnerung an die Mauer entwickelt, das Schritt für Schritt umgesetzt wurde. Wir brauchen die Erinnerungsorte. Speziell für die Jüngeren brauchen wir Orte, an denen die Geschichte nachvollziehbar wird.
Eine Umfrage der Stiftung Aufarbeitung hat gerade erbracht, dass die deutliche Mehrheit der jungen Menschen zwischen 14 und 29 gerne mehr über die Geschichte der DDR und der deutschen Teilung erfahren würde. Dieses Interesse ist ermutigend. Wir sollten es auch in Zukunft immer wieder aufgreifen.

Wir brauchen die Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum. Sie lassen uns an die Menschen denken, die zu Opfern der Mauer wurden; die Pflasterung, die auf den Straßen den Verlauf der Mauer nachvollziehbar macht; die Mauerinformation im U- und S-Bahnhof Brandenburger Tor; aber auch Orte wie die Gedenkstätte Hohenschönhausen, an denen uns Opfer von ihren Demütigungen und den brutalen Praktiken der Stasi berichten.

Kernstück unseres Erinnerungskonzepts ist diese Gedenkstätte. Mit der neuen Dauerausstellung setzen wir symbolisch den Schlussstein für ein Projekt, das schon jetzt weit über Berlin hinaus auf enormes Interesse stößt. Allein im letzten Jahr kamen rund 850.000 Besucherinnen und Besucher. In diesem rechnen wir mit mehr als einer Million.

Zu unserem Selbstverständnis als tolerante und weltoffene Metropole gehört das offene und ehrliche Erinnern an die Geschichte. Gerade am 9. November denken wir auch an das Jahr 1938, als in ganz Deutschland die Synagogen brannten – als die Diskriminierung der Juden in systematische Verfolgung bis hin zur Ermordung überging. Die Erinnerung ist und bleibt wichtig.

Wir alle sind gefordert, Gesicht zu zeigen, wo anderen Menschen Unrecht geschieht – sei es wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Lebensweise. Das ist unsere historische Verantwortung.

Manfred Fischer, der langjährige Pfarrer der Versöhnungsgemeinde, der leider nicht mehr unter uns ist, sagte einmal: „Wer Geschichte begreifen will, vor allem wenn er nachgeboren ist, braucht etwas zum ‚Be–greifen’“. Diese Idee trieb Pfarrer Fischer um.

Diese Erinnerungsstätte ist auch sein Werk. Als Gedenkort, aber auch als Anstoß zu etwas Neuem, das in eine bessere Zukunft weist. Ein Symbol dafür ist die Kapelle der Versöhnung auf dem ehemaligen Todesstreifen. Dort, wo Menschen gestorben sind, weil sie frei sein wollten – an diesem Ort haben junge Freiwillige aus vierzehn europäischen Ländern mit ihren Arbeitseinsätzen beim Bau der Kapelle ein Zeichen der Hoffnung und der Versöhnung gesetzt.

Heute feiern wir gemeinsam die Vollendung dieser Gedenkstätte. Ich danke allen, die dabei mitgeholfen haben, den beteiligten Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtlern, den Zeitzeugen, dem Bund, den Architekten, der Grün Berlin, der Lotto-Stiftung, dem Beirat der Stiftung Berliner Mauer sowie Herrn Direktor Klausmeier und allen beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Diese Gedenkstätte ist aus bürgerschaftlichem Engagement hervorgegangen. Die Politik hat dieses Vorhaben unterstützt. Und auch in Zukunft wird es darauf ankommen, dass Bund und Berlin weiter dazu beitragen, in der Hauptstadt die Erinnerung zu pflegen.

Also: Vergessen wir nicht die Opfer von Mauer und SED-Diktatur. Geben wir die Erinnerung weiter an die nächste Generation. Widerstehen wir totalitärem Denken und Handeln und pflegen wir unsere Demokratie. Arbeiten wir an einem friedvollen Miteinander in Europa und der Welt. Auch dazu will uns diese Gedenkstätte ermutigen.

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