KARPFENTEICH

Es ist das ewig gleiche betäubende Ritual europäischer Klimagipfel: Europas Staats- und Regierungschefs reisen an, beraten bis nach Mitternacht; treten anschließend erschöpft vor die Kameras; und erklären, sie hätten zwar nicht das Menschenmögliche erreicht, aber immerhin doch sehr viel, bei ihrem unermüdlichen Kampf gegen die Erderwärmung. Mindestens 40 Prozent weniger Treibhausgase bis 2030 – das sei verbindlich. Und diese Zahl könne sich doch sehen lassen, lobte die deutsche Kanzlerin ihr eigenes Klima-Gipfelmanagement in Brüssel.

Doch de facto sind 40 Prozent weniger Kohlendioxid im Vergleich zu 1990 eher ein schlechter Scherz. Nähme die Bundesrepublik diesen Wert ernst, könnte sie schon bald die Hände in den Schoß legen, denn dieses Minimalziel erreicht Deutschland bereits in sechs Jahren – und nicht erst in 16 Jahren, wie jetzt von der EU zugebilligt.

Der EU-Klimagipfel ist ein Fest für Entdecker der Langsamkeit. Er schreibt als Zukunftsprojekt lediglich fest, was ambitionierte Klimaschutzländer wie Deutschland, die Niederlande, Dänemark oder Schweden längst erreicht haben an Treibhausgasreduktion, an Steigerung der Energieeffizienz, und an Ausbau der regenerativen Ideen. Doch das reicht nach Ansicht von Klimaexperten bei Weitem nicht aus, um den Anstieg der Erderwärmung rechtzeitig abzubremsen.

Der Brüsseler Konsens auf niedrigem Niveau ist lediglich ein Freifahrtschein für einige osteuropäische Länder, an ihrer Kohlefixierung festzuhalten. Zum Beispiel für Polen. Doch diese europäische Rücksichtnahme wird sich wirtschaftlich nicht auszahlen. Im Gegenteil: Die meisten polnischen Kohlegruben sind seit Jahren unrentabel.

Auch die duckmäuserische EU-Rücksicht auf Großbritannien führt in die Sackgasse: Aus Angst, die Briten könnten aus der EU austreten, versuchen Europas Staatschefs dem britischen Premier David Cameron jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Wenn Cameron keine deutliche Steigerung der Energieeffizienz will, dann gibt es diese Steigerung auf europäischer Ebene auch nicht. Selbst wenn diese Energieeinsparung für die EU überlebenswichtig ist. Weil sie nämlich andernfalls eine Geisel des Gasproduzenten Russland bleibt. Nicht nur die Ukraine, sondern insgesamt 18 europäische Länder sind in puncto Energielieferung von Herrn Putin abhängig. Jedes Prozent Energieeinsparung macht einen großen Unterschied, weil es im Einsparfall erheblich weniger Gas, Kohle und Öl aus Russland bedeutet.

Doch das Wort des Einspargegners Cameron ist in Brüssel Befehl. Deshalb sieht Europas sogenanntes Klimapaket nur 27 Prozent mehr Energieeffizienz vor. Und nicht wie ursprünglich vorgesehen 30 Prozent. Cameron hält auch regenerative Energien wie Sonne, Wasserkraft und Wind für einen kontinentaleuropäischen Spleen. Er möchte lieber die Insel mit neuen Kernkraftwerken beglücken. Prompt wird die EU in puncto erneuerbare Energien kleinlauter. Doch das Kalkül, durch dieses Nachgeben die Europa-Gegner auf der Insel besänftigen zu können, ist eine Fehlkalkulation. Wer die EU um jeden Preis verlassen will, der verlässt sie auch – und lässt sich nicht umstimmen. Schon gar nicht durch eine Klimapolitik, die sich feiert – obwohl sie nur ein fauler Kompromiss ist.

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