KARPFENTEICH

Junge Europäer

Die Terrormiliz “Islamischer Staat” ist ein Nahost-Problem. Das stimmt. Aber das Problem lässt sich nicht auf den Nahen Osten beschränken. Es gibt vielfältige Wechselwirkungen mit Europa und dem Westen. Der Westen ist bei Weitem nicht so sehr bedroht wie Länder im Nahen Osten. Aber er ist keineswegs wirklich sicher. Die Länder, aus denen junge Menschen ausziehen, um sich einer Terrorgruppe anzuschließen, müssen damit rechnen, dass etliche von ihnen stark radikalisiert wieder zurückkommen.

Die Gründe sind vielfältig, warum junge Menschen aus Ennepetal, Birmingham oder Lyon ihre vermeintlich sichere soziale Umgebung verlassen, um in Syrien oder im Irak in den Krieg zu ziehen. Einige mögen es aus echter religiöser Überzeugung tun; andere aus purer Lust am Abenteuer; wenige aus reiner Lust am Morden, Schänden und Brandschatzen; viele aber werden gehen, weil sie Anbindung und Anerkennung in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter suchen und ihrem Leben einen Sinn verleihen wollen. Gepaart mit einem angenommenen religiösen Sendungsbewusstsein ergibt das ein gefährliches Gemisch.

In Deutschland, Frankreich, Großbritannien und anderen westlichen Ländern genießen Muslime Religionsfreiheit. Doch viele vor allem junge Muslime haben in diesen Ländern Identitäts- und Anerkennungsprobleme. Das mag nicht in erster Linie mit ihrer Religion zu tun haben. Das hat viel häufiger mit ihrer Sozialisation zu tun, die oft genug ein missglückter Spagat war. Auf der einen Seite überkommene Traditionen und Werte von Eltern und Altvorderen. Auf der anderen Seite die Herausforderungen einer auf Funktionieren getrimmten Leistungsgesellschaft, in der sie mangels Bildung und Ansehen nicht wirklich Fuß fassen und erfolgreich sein können.

Und dann kommt der schwadronierende Prediger. Er predigt nicht Hass – hier fängt schon das Missverstehen dieser Leute durch die westliche Sichtweise an. Denn der meist selbsternannte Scheich oder Imam predigt Anerkennung und Brüderlichkeit, Edelmut und Verteidigung des Glaubens und heiliger Werte. Das verfängt. Mit Hass lassen sich Mörder, Verbrecher und psychisch Deformierte locken. Doch die meisten der Möchtegern-Dschihadisten suchen die Gemeinschaft, Anerkennung und einen Sinn in ihrem Leben. Es ist keine Frage der Intelligenz, warum wer in den vermeintlich heiligen Krieg zieht. Verletzte Gefühle, gekränkte Seelen und enttäuschte Herzen spielen dabei eine viel größere Rolle.

Es gibt kein allgemeingültiges Rezept dafür, wie junge Europäer davon abgehalten werden könnten, sich dem galoppierenden Wahnsinn in Syrien und dem Irak anzuschließen. Das beste Mittel dürfte darin bestehen, gesellschaftliche, soziale und emotionale Verwerfungen gerade bei jungen Muslimen besser zu erkennen und vorurteilsfrei über den Islam und dessen vielen Ausprägungen zu informieren.

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