KARPFENTEICH

Historische Ereignisse haben Joachim Gauck in besonderer Weise geprägt. Der Pastor aus Ostdeutschland erlebte den Mauerfall von 1989 als Bürgerrechtler und gehörte 1990 der Volkskammer an, bevor er als Verwalter von Millionen Stasi-Akten eingesetzt wurde. Gauck prägte in dieser Funktion die Aufarbeitung der DDR-Geschichte und die Versöhnung in Deutschland.

Geschichte prägt immer noch sein Leben. Ausgerechnet im Gedenkjahr 2014 wird besonders klar, dass Joachim Gauck ein hervorragender Bundespräsident ist. Eine große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ist der Meinung, dass der Ostdeutsche gute Arbeit leiste. Dafür gibt es mehrere Gründe, aber die erlebte Geschichte und das Aufarbeiten derselben zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Er ist im Amt gestartet mit der Idee, “Freiheit” zu seinem Thema zu machen. Angekommen in der Rolle als Staatsoberhaupt ist er mit deutlichen Standpunkten, die auf einem ausgeprägten Bewusstsein für Geschichte fußen.

Zuletzt hat Gauck in Danzig die richtigen Worte gefunden, am Jahrestag zum Kriegsbeginn, zum Überfall auf Polen. Die Schwierigkeit bestand darin, gerade in Polen deutlich zu machen, dass die Bündnispartner Ängste vor einer neuen Bedrohung aus Russland ernst nehmen – und gleichzeitig den Konflikt nicht zu schüren. Das ist ihm mit seinen deutlichen Worten gelungen.

2014 ist das Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs besonders präsent. Gauck hat es verstanden, die deutsche Verantwortung dafür zu unterstreichen und gleichzeitig eine Debatte über die Rolle Deutschlands in der Welt anzustoßen. Ja, beides gehört zusammen. Ein ökonomisch mächtiges Deutschland in der Mitte Europas, international eingebunden, muss aus meiner Sicht mehr Verantwortung in den Krisengebieten übernehmen. In der Prävention, bei der Nothilfe und wenn nötig militärisch. Auch wer anderer Meinung ist, müsste positiv bewerten, dass diese Debatte endlich geführt wird. Der Redner Gauck hat viel zu sagen. Mehr als viele das von einem Bundespräsidenten erwartet hätten. Doch es kommt gut an.

Der ehemalige Pastor ist auch volksnah. Vor Schülern fiel der Satz, man müsse rechtsradikalen Spinnern entgegen treten. Dieser Bundespräsident spricht offen, ist auch Bürger. Die NPD klagte – ohne Erfolg. Eine Stärkung des Bundespräsidenten! Gauck ist eitel, authentisch, eigenständig.

Vor allem hat er es geschafft, das unglückliche Handeln seiner Vorgänger Horst Köhler und Christian Wulff vergessen zu machen. Köhler hatte das Gespür für Themen verloren und sich in einer wichtigen außenpolitischen Debatte verirrt. Wulff hat die Distanz zu Freunden aus der Wirtschaft in Verbindlichkeit eingetauscht und wundert sich noch immer über die moralische Empörung darüber.

Rund 300 offizielle Reden hat Gauck in der ersten Hälfte seiner Amtszeit gehalten. Auch in den kommenden zweieinhalb Jahren bin ich gespannt auf seine Äußerungen.

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