KARPFENTEICH

Folklore in Europa?

Bis vor wenigen Wochen war alles Folklore. Aber was außerhalb Schottlands wie Folklore aussieht, ist innerhalb Schottlands ein gewissermaßen nur folkloristischer Ausdruck sehr viel tieferer Empfindungen. Man darf das nicht unterschätzen. Aber genau das haben die Engländer getan. Es war wohl ein alter imperialer Reflex; London hat noch nie verstanden, warum sich die abhängigen Gebiete unter seiner Herrschaft unzufrieden zeigen könnten.

Dann kam der Schock, als vor etwa drei Wochen die erste Umfrage eine mögliche Mehrheit für ein Yes signalisierte. Die politische und wirtschaftliche Elite beschloss daraufhin unisono, aus dem Wachkoma zu erwachen und augenblicklich in Panik auszubrechen. Die Schotten wurden seitdem mit Drohungen und Verlockungen überschüttet… Zu den Merkwürdigkeiten des Referendums gehört, dass die Schotten ausgerechnet das Pfund unter allen Umständen behalten wollen – und dass London ihnen das verbieten will.

Das United Kingdom ist kulturell nicht wirklich vereint, und die Größe Großbritanniens ist recht bröckelig. Die Zeiten der verbindenden Erzählungen ist vorbei. Erster und Zweiter Weltkrieg, der Aufbau eines gemeinsamen Gesundheitssystems, die Kämpfe der industriellen Arbeiterschaft – das ist Vergangenheit. Seit Margaret Thatcher werden die Bande brüchig.

Wenn Schottland mit Yes stimmt, werden die Nachbeben in Europa und der Welt zu spüren sein. Der traurige Rest des UK wird seine Atom-U-Boote nicht mehr bezahlen können, seinen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat wohl verlieren und seinen Einfluss auf die Geschicke der EU. Das Pfund wird billiger und der Urlaub auf der Insel wieder bezahlbar.

Stimmt Schottland heute mit No, wird das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland aus Gründen der Gerechtigkeit auch seinen Engländern, Walisern und Iren mehr Rechte und Mächte geben müssen, denn die Schotten werden all die Wahlgeschenke einkassieren, die ihnen London inzwischen versprochen hat.

Der Prozess, das zerrissene Königreich wieder zu einem Ganzen zu verbinden, wird ein Werk für Jahrzehnte. Ein gängiges Wort unter den britischen Kommentatoren lautet: Der Geist ist aus der Flasche.

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