KARPFENTEICH

Ist das wirklich gut….?

Das Staatsoberhaupt eines Landes steht zur Wahl, dessen Hauptstadt über 2600 km von Berlin entfernt liegt. Und dennoch elektrisiert diese Wahl die 1,4 Millionen Türken, die in Deutschland wahlberechtigt sind, viel mehr, als es jemals eine Bundestagswahl tun könnte. Das ist ein Skandal. Und gleichzeitig ist es ein Armutszeugnis: für Deutschland und für die seit Jahren in eine falsche Richtung laufende Integrationspolitik. Es ist die Inkarnation der viel verschrienen Parallelgesellschaft.

Und dennoch ist es leicht, die Türken zu verstehen. Bei vielen hat sich über die Jahre Frust aufgestaut. Egal, wie gut sie sich integrieren, wie gut ihre Noten in Schule, Uni oder in ihren Ausbildungsstätten sind – für viele Deutsche sind sie und werden es immer bleiben: Türken. Die deutsche Gesellschaft hat großenteils die von der Politik vorgegebene Marschroute der Willkommenskultur nicht verinnerlicht, vor allem nicht bei Menschen, die Kopftuch tragen oder freitags in die Moschee gehen. Dies ist der Hauptgrund für die massenhafte Zustimmung, auf die der türkische Ministerpräsident Erdogan trifft, wenn er nach Deutschland kommt.

Die Auftritte Erdogans verdeutlichen allerdings noch etwas ganz anderes: Sie zeigen, wie einfach es wäre, die türkische Seele auf seine Seite zu ziehen. Denn was macht Erdogan schon bei seinen Anhängern? Er lobt sie, appelliert an sie, an “seine” Landsleute, wie er sagt. Er und die gesamte Türkei seien für sie da, wenn es ihnen schlecht geht. Das mag man hierzulande belächeln. Und natürlich ist es faktisch einfach Quatsch: Die Türkei übernimmt weder Sozialversicherungsbeiträge noch zahlt sie Arbeitslosengeld für die Türken, die hier leben. Mehr als warme Worte hat Erdogan also nicht übrig für die Türken in Deutschland. Aber genau das, warme Worte nämlich, sind es, die die Türken in Deutschland von der deutschen Politik bräuchten – was sie ankommen ließe in der deutschen Gesellschaft. Würden solche Worte häufiger fallen: Es wären keine Olympiastadien in Deutschland mehr nötig, um das Staatsoberhaupt eines fremden Landes zu bestimmen.

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