KARPFENTEICH

Madame Cool war da und referierte 90 Minuten ein wenig lustlos – und mit allen Anzeichen physischer Erschöpfung – den Stand der Dinge in der Welt, Deutschlands und ihrer Koalition. Botschaft: keine besonderen Vorkommnisse. Ich bin die Kanzlerin, bleibe es bis zum Ende dieser Wahlperiode, und was dann kommt, teile ich mit, wenn es soweit ist. Ende der Durchsage.

Durchsage ist überhaupt das Stichwort für diesen Sommerauftritt. Man hat Angela Merkel schon engagierter, aufgekratzter, schlagfertiger und freudvoller erlebt als heute Mittag. Keine Frage bringt sie aus der Balance, für alles eine Antwort – kurz, oft bündig und so abschließend, dass Nachfragen überflüssig werden. Das ist der Stil einer überaus selbstsicheren Frau, die weiß, dass sie mit Routine gut durchkommt und deshalb auf Originelles auch verzichten kann. Ein wenig verwunderlich ist das, denn noch vor weniger als 24 Stunden durfte sie sich anlässlich ihres Geburtstagsempfangs dem Test unterziehen, wie viel Lob, Respekt, ja Bewunderung der Mensch aushält. Und in ihrem Fall ist es eine Menge. Vizekanzler SPD-Chef Gabriel konnte sich gar nicht einkriegen vor Respekt und gab damit die Tonlage vor.

Angela Merkel, CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin, ist zur Stunde in einer Situation, in der sie sich jede Großzügigkeit leisten kann – gegenüber verflossenen und aktuellen Koalitionspartnern. Für Probleme sind im Übrigen die anderen da. Maut? Soll er doch sehen, der Herr Dobrindt von der CSU, wie er’s hinkriegt. EEG-Reform und hohe Stromrechnungen? Ja, das macht der Herr Gabriel. Bundeswehrreform und Drohnenfliegerei? Soll sie doch zeigen, was sie kann, die Frau von der Leyen – will ja schließlich meine Nachfolgerin werden! Außenpolitik? Mach ich selbst, wenn’s wirklich wichtig wird. Lass ihn reisen, den Herrn Steinmeier.

Angela Merkel hat sich in ihrer Kanzlerschaft mittlerweile in einer Position eingerichtet, die sie für die üblichen politischen Betriebsunfälle fast unerreichbar macht. Gleichsam vom Hochsitz aus betreibt sie ihre Politik: unaufgeregt und sorgsam darauf bedacht, den Höhenunterschied zu wahren, ohne ins Arrogante abzugleiten. Das muss man erst mal hinkriegen. Das Staunen darüber, wie sie das macht, teilen sich politische Gegner, Konkurrenten und ihre politische Familie redlich. Das alles verfehlt seine Wirkung aufs Publikum natürlich nicht. Die Kanzlerin als Vertrauensärztin, Deutschland in guten Händen – in ihren natürlich.

Und im Ausland? Nun, sie wird ernst genommen. Ihr Urteil ist wichtig und bestimmt in der EU die Weichenstellungen – vor und hinter den Kulissen. Ob sie das alles genießt? Man weiß es nicht wirklich. Heute jedenfalls war in der Bundespressekonferenz eine Frau zu sehen und zu hören, die mit einer Abgeklärtheit ihren Job macht, als ob sonst nichts wäre. Keine besonderen Vorkommnisse eben. Madame Cool war da.

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