KARPFENTEICH

Flachbildschirme auf der Stube, Hotel Kaserne, Teilzeitkampfsoldat – was ätzten doch viele aus der Wehrgemeinde über das Vorhaben Ursula von der Leyens, die Bundeswehr zu einem attraktiveren Arbeitgeber machen zu wollen. Und natürlich klingt es im ersten Moment paradox, wenn die Verteidigungsministerin, in deren Haus eine unglaubliche Menge Geld für nur teilweise oder auch gar nicht geeignete Hubschrauber, Fregatten, Drohnen oder Transportflugzeuge ausgegeben wird, ankündigt, sich um ein Wohlfühlklima bei der Bundeswehr zu kümmern.

Aber: Mit ihrem heute offiziell vorgestellten Plan zur Steigerung der Attraktivität der Bundeswehr hat von der Leyen einen richtigen Schritt getan. Seitdem die Bundeswehr keine Wehrpflichtarmee mehr ist, muss sie Menschen für sich gewinnen. Pflichtgefühl allein reicht nicht aus, und die Einstellung altgedienter, hochrangiger Soldaten, die Hartkekse predigen und selbst zuletzt meist im Offizierscasino speisten, ist überkommen. Nur: Das alles ist eine relative Selbstverständlichkeit – außer eben bei der Bundeswehr.

Von der Leyen hätte also gut daran getan, sich auch bei den harten Themen ernsthaft zu positionieren. Sich zum Beispiel mit der Frage zu beschäftigen, ob die Neuausrichtung der Bundeswehr als internationale Krisen-Eingreiftruppe mit Nebenjob Landesverteidigung angesichts der Ukraine-Krise so noch haltbar ist. Und ja, das alles hat eben auch Rückwirkungen auf die Frage, wie attraktiv ein Arbeitgeber Armee sein kann: Der Sterbefall ist im Stellenprofil durchaus enthalten, nur die Wahrscheinlichkeit steht und fällt auch mit den Gegnern.

Dass der Chefinnensessel im Verteidigungsministerium ein überaus robustes Mandat ist, war von der Leyen vor Amtsantritt bewusst. Dass er auch eine wehrtechnische Zulassung als Schleudersitz erzielen dürfte, wird ihr ebenfalls nicht entgangen sein. Sie wusste also, worauf sie sich einlässt. Doch nach einem halben Jahr im Bendlerblock fremdelt sie offensichtlich nach wie vor mit ihrem Amt. Das Familienfreundlichkeitsvokabular sitzt perfekt, das harte sicherheitspolitische Geschäft der Forderungen von NATO-Partnern fällt ihr nach wie vor schwerer. So schwer, dass sie selbst fast vor sich erschrickt, wenn sie dann doch einmal in den Militärjargon verfällt.

Und so gilt für von der Leyen wie für den Rest der Gesellschaft: Ein ehrliches Verhältnis zur Bundeswehr, was diese künftig tatsächlich können soll, was sie muss und darf, wofür sie wirklich da sein soll, das steht weiterhin aus. Aber das lässt sich dann wenigstens in familienfreundlicherem Umfeld besprechen.

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