KARPFENTEICH

Die Jugend von Europa

Jeder fünfter Jugendlicher hierzulande lebt in Armut oder am Rande der Armut. Das ist schon an sich ein beschämender Befund. Aber ja, schauen wir vor allem in den Süden Europas, sieht es wenig besser, meist noch viel schlimmer aus. Also, alles halb so wild, alles noch im Rahmen? Mitnichten, denn bei uns kommt erschwerend hinzu: Die reiche Bundesrepublik ist eine vergleichsweise ungerechte Gesellschaft. Erfolg in Schule und Ausbildung hängt in kaum einem anderen Land so stark von der sozialen Herkunft ab wie hierzulande.

Und weiter? Je geringer die Bildung, desto größer das Armutsrisiko bei Jugendlichen. Das mit Abstand Traurigste an dieser Erkenntnis ist, dass sie bereits jahrelange Tradition hat. Selbst der jüngste Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung führt sie fein säuberlich aus. Die Konsequenzen aber sind bisher mager. Während Familienpolitik, das Problem der Kinderarmut, ja sogar der befürchteten Altersarmut deutlich auf der Regierungsagenda vertreten sind, scheinen die Jugendlichen trotz aller Warnungen nicht im Fokus zu stehen.

Natürlich gehen die gerade in dieser Woche beschlossenen 6 Milliarden Euro für den Kita-Ausbau und frühkindliche Bildung in die richtige Richtung. Unterschiede in sozialer Herkunft und Sprachkompetenz sollen da bereits ausgeglichen, statt zementiert werden. Ebenso beim Bildungspaket der Bundesregierung, das sicherstellen möchte, dass die Frage, ob Kinder in den Sportverein oder zum Musikunterricht gehen können, nicht schon am Geld scheitert. Aber was kommt danach, ab dem Teenageralter?

Zwischen 14 und 27 ist die Armutsquote inzwischen so hoch wie in keinem anderen Lebensalter. Gerade hier hat die Kombination “Kein Job, kein Geld, keine Perspektive” die verheerendsten Folgen – psychisch und materiell. Nicht selten wird hier der Grundstein gelegt für lebenslange Hartz-IV-Karrieren. Will man die wirklich bekämpfen, muss Jugendpolitik endlich als eigenständiges Politikfeld gestärkt und müssen die entscheidenden Fragen gestellt werden. Etwa, ob es sinnvoll ist, Jugendlichen die Sozialleistungen beim ersten Pflichtverstoß vollständig zu streichen, während das bei allen anderen stufenweise geschieht. Oder, ob eine gesetzliche Ausbildungsgarantie vielleicht doch eine faire Lösung wäre, angesichts der Rentenlasten, die die Jugendlichen künftig noch schultern müssen.

Alles entscheidend aber ist, dass Studien wie der Monitor Jugendarmut überhaupt als dringende Handlungsempfehlung begriffen werden und als Erinnerung an die nicht gerade neue Erkenntnis: Jugendarmut ist eine Dummheit, nämlich ein Sägen am Ast, auf dem man sitzt.

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