KARPFENTEICH

Türkeistämmige Mädchen in Deutschland: Lebenskünstlerinnen bewältigen
Krisensituationen

In der Öffentlichkeit gelten türkeistämmige Mädchen als unselbständig und
unterdrückt. Wahrgenommen werden sie oft erst, wenn sie zwangsverheiratet
werden oder dagegen aufbegehren. Wie denken die jungen Frauen aber
tatsächlich über voreheliche Sexualkontakte, Partnersuche und
traditionelle Geschlechterrollen? Entspricht die Realität dem gängigen
Vorurteil?

In seiner neuen Studie legt Prof. Dr. Ahmet Toprak den Schwerpunkt auf das
Thema Sexualität – diesmal aus dem Blickwinkel türkeistämmiger Mädchen der
dritten Generation, mit denen er lange Interviews geführt hat. In der
Forschung betritt er mit diesem Thema weitgehendes Neuland, denn die
Sichtweisen von Mädchen zu Fragen von Erziehung – Geschlechterrollen –
Sexualität sind wissenschaftlich kaum untersucht, werden vielmehr in der
Familie wie auch in der Öffentlichkeit tabuisiert.
„Es hat neun Monate gedauert, bis ich genügend Gesprächspartnerinnen
gefunden hatte“, so der Professor für Erziehungswissenschaften. Letztlich
erklärten sich insgesamt 23 Mädchen und junge Frauen zwischen 15 und 25
Jahren bereit, zu diesen Themen offen, ehrlich und kritisch Stellung zu
beziehen. „Und wenn sie sich einmal dazu entschlossen hatten, waren sie
auch überraschend offen und haben auch vor mir als Mann kein Blatt vor den
Mund genommen.“ Alle befragten Frauen kommen aus dem Ruhrgebiet; in Bezug
auf Alter und Bildungsstatus bilden sie die ganze Bandbreite ab. Die
Interviews rankten sich um die Themen Kopftuch, Ehre, Partnerschaft und
Eheschließung, Sexualität vor der Ehe, Religion, Erziehung und
Geschlechterrollen, Freizeit und Freundschaften, das Bild der Männer, das
Verhältnis zu deutschen Frauen, Bildungsaspiration, die Funktion der
großen Schwester, die Rolle der Familie und der Umgang mit Tradition.

Bei der Auswertung des Materials ergaben sich sehr differenzierte
Meinungsbilder, aus denen der Erziehungswissenschaftler vier Grundtypen
herausgearbeitet hat: „Wir haben die Heiratsmigrantinnen, konservative
Mädchen, die Lebenskünstlerinnen oder Krisenbewältigerinnen und liberale
Mädchen“. Bei den Heiratsmigrantinnen – eine Sondergruppe in der Studie –
handelt es sich um Frauen, die in der Türkei geboren, aufgewachsen und
sozialisiert wurden. Sie sind in der Regel nicht gut ausgebildet und haben
keine abgeschlossene Berufsausbildung. Sie heiraten früh und oft
arrangiert. Aufgrund ihrer ländlich geprägten Sozialisation übernehmen sie
die traditionellen Geschlechterrollen und religiösen Einstellungen der
Eltern unreflektiert, die aber – auch bedingt durch die Migration – immer
wieder in Frage gestellt werden.

Bei den konservativen Mädchen und Frauen stehen traditionelle Werte und
Normen im Mittelpunkt. Sie sind geschlechtsspezifisch und autoritär
erzogen worden – ihrer formalen Bildung wird kein hoher Stellenwert
beigemessen. Diese jungen Frauen lehnen voreheliche Sexualität ab, pflegen
aber heimlich Liebesbeziehungen. „Ihr oberstes Prinzip ist, als Jungfrau
in die Ehe zu gehen, was natürlich manchmal nicht klappt. Wenn sie vor der
Heirat schwanger werden, wird geheiratet und das Kind als Frühgeburt
ausgegeben, um die Fassade aufrecht zu erhalten“, sagt Ahmet Toprak.
Ihren Gegenpart bilden die liberalen Mädchen und Frauen, die die
traditionellen Werte und Normen und eine geschlechtsspezifische Erziehung
ablehnen. Wie schon ihre Eltern verfügen sie in der Regel über ein hohes
Bildungsniveau. Die Familienmitglieder sind häufig eingebürgert. Die
liberalen Mädchen müssen ihre vorehelichen Partnerschaften nicht geheim
halten und haben oft (Ehe-)Partner aus Deutschland.

Die interessanteste Gruppe ist für Ahmet Toprak die der
„Lebenskünstlerinnen“, die er auch die „Krisenbewältigerinnen“ nennt:
„Diese Mädchen sind weder modern, noch konservativ, sondern versuchen
einen Spagat zwischen zwei Welten.“ Sie sind zwar der türkischen Kultur
verbunden, kritisieren aber ihre traditionelle, geschlechtsspezifische
Erziehung in Teilen. Schon in der Schule fällt ihnen das natürliche
Selbstbewusstsein der deutschen Mädchen auf, wie zum Beispiel Nermin: „Ich
wäre schon manchmal gern ein deutsches Mädchen. Die sind viel lockerer als
wir Türkinnen. Bei uns wird alles genauer beobachtet“.
Auch die Lebenskünstlerinnen lehnen Sex vor der Ehe ab, zumindest
offiziell, denn heimlich praktizieren sie ihn durchaus. Vor männlichen
Familienmitgliedern müssen die Mädchen aber verheimlichen, dass sie einen
Freund haben. „Das funktioniert nur, wenn sie sich mit Lügen Freiräume
schaffen und dafür eingeweihte Verbündete haben“, hat Ahmet Toprak in
vielen Gesprächen gehört. So dienen z. B. schulische Aktivitäten, die von
Freundinnen oder Schwestern bestätigt werden, als Alibi für die heimlichen
Treffen.
Den traditionellen Begriff der Ehre lehnen diese jungen Frauen ab, weil er
aus ihrer Sicht nur auf die Sexualmoral der Frau reduziert wird. Diese
sehen sie als eine private Angelegenheit und haben nicht vorrangig das
Ziel, jungfräulich in die Ehe zu gehen. Sex vor der Ehe sei keine Sünde,
meinen sie: „Ach, ich persönlich finde es doof, unbedingt als Jungfrau in
die Ehe hineinzugehen“, sagt etwa die 17-jährige Serap. „Ehrlich gesagt
interessiert das doch niemanden mehr so richtig“. Zu dieser Einstellung
kommen die Mädchen schrittweise: von der Tabuisierung in der Familie, über
die schulische Sexualaufklärung, Gespräche im Kreis der Freundinnen bis zu
den ersten sexuellen Kontakten.
Im Ergebnis stellt Toprak fest, dass Werte und Normen der türkeistämmigen
Mädchen in Deutschland offenbar differenzierter oder moderner sind als in
der Öffentlichkeit angenommen wird. Vorehelicher Sexualkontakt ist
keineswegs tabu. Die Frauen agieren emanzipierter und selbstbewusster
nicht nur im Hinblick auf die Partnerwahl, sondern auch in Bezug auf
Geschlechterrollen und Erziehungsvorstellungen. „Deutschland ist faktisch
ein Einwanderungsland und muss diese Rolle aktiv annehmen und sozial-
politisch konstruktiv gestalten“, formuliert Ahmet Toprak im Fazit. So
regt er als politische und pädagogische Schlussfolgerungen die
Interkulturelle Öffnung von Institutionen und die Förderung von
Interkulturellen Kompetenzen als Qualitätsstandard an.

Ahmet Toprak: Türkeistämmige Mädchen in Deutschland. Erziehung –
Geschlechterrollen – Sexualität, 2014, Lambertus-Verlag, ISBN
978-3-7841-2450-6

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