KARPFENTEICH

Wer hungrig und durstig durch die Wüste gelaufen ist, dem erscheint ein Krug mit kühlem Wasser und ein Laib frisches Brot als Geschenk des Himmels, als wahres Wunder. So ist es auch bei dieser ersten Stufe der Pflegereform. Erst 3,6 Milliarden, im zweiten Schritt dann bis zu sechs Milliarden Euro mehr für die Pflege, das klingt gut. Doch Vorsicht, auch wenn sicher kaum etwas einzuwenden ist gegen flexiblere Entlastung für diejenigen, die Familienangehörige oft jahrelang zu Hause pflegen, und dabei nicht selten bis an den Rand der eigenen Erschöpfung gehen. Oder gegen mehr Menschen, die in Seniorenheimen älteren Menschen vorlesen oder mit ihnen singen und so längst verblasste Herzenserinnerungen unter einer dicken Kruste Demenz zum Scheinen bringen, kurz, auch ihnen ein bisschen Würde geben.

Allerdings lohnt der Blick ins Kleingedruckte: Erstens beim Thema “Mehr Geld für Pflegebedürftige”: Vier Prozent mehr für Leistungen aus der Pflegeversicherung, auf den ersten Blick – prima. Allerdings wird damit der reale Kaufkraftverlust, den die Pflegebedürftigen in den vergangenen Jahren hinnehmen mussten, nur teilweise aufgefangen.

Zweitens lohnt das genaue Hinsehen auch beim geplanten Vorsorgefonds. Heute schon mal anfangen zu sparen, wenn in fünfzehn bis zwanzig Jahren geburtenstarke Jahrgänge ins pflegebedürftige Alter kommen – klingt plausibel. Kleiner bis mittelgroßer Schönheitsfehler: In Zeiten der Quasi-Nullverzinsung wird in einem solchen Fonds kaufkraftbereinigt in eben diesen zwanzig Jahren vermutlich weniger drin sein, als heutige und künftige Beitragszahler jemals eingezahlt haben.

Und haben wir eigentlich schon einmal von Reservepolstern gehört, die nicht irgendein findiger Finanzminister in Notlagen in den Dienst der “guten Sache”, sprich, des eigenen Haushalts gestellt hätte? Schäuble hat es gerade vorgemacht, indem er kurzerhand den Steuerzuschuss zum Gesundheitsfonds empfindlich gedrosselt hat mit Verweis auf die hohen Reserven dieses Fonds, um endlich die langersehnte schwarze Null im eigenen Haushalt anzusteuern.

Und, drittens lohnt auch ein kritischer Blick auf die geplante Ausweitung des Leistungsspektrums, sprich, die Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs. Diese wurde flugs ans Ende der Legislatur vertagt, Ausgang ungewiss. Zwei Vorgängerregierungen haben sie versprochen, Experten tagten, Papiere wurden geschrieben, verschwanden in Schubladen. Passiert ist jeweils nichts. Selbst wenn das diesmal anders sein sollte, und danach sieht es aus, ob die dann insgesamt sechs Milliarden Euro auch dafür ausreichen, an Demenz Erkrankte endlich wirklich angemessen zu berücksichtigen – das steht noch in den Sternen.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Kühles Wasser und frisches Brot kann laben, kann Leben retten. Am Ende aber bleibt es Wasser und Brot, und das reicht auf Dauer nicht aus, um in Würde zu überleben.

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