KARPFENTEICH

Joachim Gauck ist ein glücklicher Deutscher. Sein Glück besteht darin, dass sich dieses Land immer wieder auf geradezu wundersame Weise gewandelt hat: vom Ausgangsort eines Völkermordes zu einem der freiheitlichsten, wohlhabendsten und friedlichsten Staaten dieser Erde; von der geteilten Nation zum geeinten Land am Ende des 20. Jahrhunderts. Gauck bestaunt diese Wandlungen mit der ursprünglichen Freude eines Menschen, den die deutsche Geschichte mit ihren glücklichen Wendungen immer wieder überrascht, beschenkt und manchmal überwältigt.

Heute hat der Bundespräsident den 65. Geburtstag des Grundgesetzes zum Anlass einer Einbürgerungsfeier genommen. Dass Zuwanderer aus allen Teilen der Welt in dieses Land kommen und seine Staatsbürgerschaft annehmen, ist für Joachim Gauck ein neuer Quell seines Glücks, Deutscher zu sein. In seiner Rede beschreibt er diese Erfahrung auch als höchstpersönlichen Lernprozess. Denn Gauck gehörte nie zu denen, für die das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft von vornherein ein Glücksversprechen bedeutete.

Die westdeutsche Sehnsucht, sich in neuen, transnationalen Identitäten von der Last des Deutsch-Seins zu befreien, hat Gauck stets befremdet. Von dem Satz seines Vorgängers, auch der Islam gehöre zu Deutschland, hat er sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit distanziert. Heute indes ist klar, dass Christian Wulff damals eines der bedeutenden und bleibenden Präsidentenworte gesprochen hat.

Gauck nimmt die Diskussion über den Islam in Deutschland nicht ausdrücklich auf. Implizit aber versöhnt er sich mit der Einheitsrede seines Vorgängers, wenn er sagt: “Es gibt ein neues deutsches ‘Wir’, die Einheit der Verschiedenen”. “Heute” – so fügt Gauck vieldeutig hinzu – wisse er: “Wir verlieren uns nicht, wenn wir Vielfalt akzeptieren.”

Die Offenheit, mit der Joachim Gauck diese Erkenntnis als Ergebnis eines eigenen Haltungswandels erklärt, zeichnet ihn als Bundespräsidenten aus. Die Erhabenheit mancher seiner Vorgänger, die zuweilen Züge der Überheblichkeit trug, ist ihm fremd. Gauck doziert nicht. Sondern er lädt die Zögernden und Skeptischen dazu ein, sich ihm auf dem Weg des Lernens und der Veränderung, die immer auch Selbstveränderung ist, anzuschließen.

Was Gauck in seiner Rede nicht erwähnte, ist die Tatsache, dass die Zuwanderer aus Afrika, Asien und Südamerika, denen er heute die Staatsbürgerschaftsurkunden überreichte, nicht nur Bürger Deutschlands, sondern auch Europas wurden. Auch das Grundgesetz, dessen Jubiläum Gauck zum Anlass seiner Feierstunde nahm, ist längst Teil einer europäischen Verfassungsordnung. Dass in den ersten Ländern der EU heute die Wahl zum Europaparlament beginnt, weist darauf hin, wie der Wandel von Verfassungen zugleich die Identität ihrer Bürger verändert. Das Glück, zugleich Deutscher und Bürger Europas sein zu können, ist eine Erfahrung, die den neuen Mitbürgern auch ohne ausdrückliche Erinnerung des Bundespräsidenten zuteil wird.

Tweet about this on TwitterShare on Facebook0Share on Google+0Share on LinkedIn0
Author :
Print