KARPFENTEICH

Mangel in Europa

Mangel im Ersten Weltkrieg verschärfte die soziale Ungleichheit

Im Ersten Weltkrieg brach die deutsche Landwirtschaft weitgehend zusammen.
Trotz Rationierung reichten die Lebensmittel nicht aus, viele Menschen
litten Hunger. Bessergestellte Familien hatten den Vorteil, sich
zusätzlich teure Nahrungsmittel auf dem Schwarzmarkt leisten zu können.
Die ungleiche Versorgung wirkte sich auf den Ernährungs- und
Gesundheitszustand aus, der sich am Wachstum der Kinder ablesen lässt. Ein
Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) hat gezeigt,
dass im Krieg geborene Männer aus der Oberschicht deutlich größer waren
als ihre Altersgenossen aus ärmeren Verhältnissen.

Das frühe 20. Jahrhundert stand im Zeichen eines Wirtschaftsbooms.
Deutschland profitierte von der Industrialisierung, immer mehr Menschen
fanden Arbeit in den Städten, das pro-Kopf-Einkommen stieg. Die
Agrarproduktion konnte mit dieser Entwicklung allerdings nicht Schritt
halten: Um den Lebensmittelbedarf der Bevölkerung zu decken, war das
Deutsche Reich auf Importe angewiesen.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam es schnell zu
Versorgungsengpässen. 40 Prozent der Männer waren eingezogen, so dass im
Agrarsektor viele Arbeitskräfte fehlten. Zudem verschärfte die Blockade
durch die Allierten die Lage: Vor 1914 hatte Deutschland ein Drittel
seiner Nahrungsmittel und die Hälfte seines Tierfutters aus dem Ausland
bezogen.

Hungerkrise: Ursache für geringeres Körperwachstum

Um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen, rationierten die
Behörden ab 1916 die Lebensmittel und legten Höchstpreise fest. Trotzdem
herrschte Hunger, wie Dr. Matthias Blum vom TUM-Lehrstuhl für Agrar- und
Ernährungswirtschaft ausführt: „Von 1914 bis 1917 sank das
durchschnittliche Körpergewicht der Bevölkerung von 60 auf 49 Kilogramm.
In diesen Jahren fiel die Getreideproduktion um circa die Hälfte, die
Fleischproduktion kam fast völlig zum Erliegen.“

Besonders dramatisch entwickelte sich die Lage 1916 und 1917, als
Erwachsene im Schnitt mit 1.000 Kilokalorien pro Tag auskommen mussten.
Das entspricht etwa 50 bis 60 Prozent des täglichen Energiebedarfs. Bei
den in den Kriegsjahren geborenen Kindern wirkte sich die Mangelernährung
auf das Wachstum aus.

Wie Blum feststellte, gab es dabei deutliche Abweichungen zwischen den
Bevölkerungsgruppen: Bei den späteren Erwachsenen der Ober-, Mittel- und
Unterschicht betrugen die Größenunterschiede jeweils etwa 1,7 Zentimeter.
„Unterschiede gab es bereits vor dem Krieg – doch verstärkten sie sich in
den Kriegsjahren”, führt Blum aus.

Schwarzmarkt setzt sich durch

Als Grund nennt Blum den ungleichen Zugang zu Lebensmitteln. „Trotz
Brotkarten und Fleischzuteilung reichten die Lebensmittel nicht aus. Die
Preisbindung hebelte außerdem die damals vorhandenen Produktionsanreize
für Landwirte aus. In der Folge wurden etwa ein Drittel bis die Hälfte
aller Nahrungsmittel illegal auf dem Schwarzmarkt vertrieben – diese
konnten sich nur Familien mit hohem Einkommen leisten.“ Damit verfehlte
die Regierung ihr Ziel: Die Belastungen durch den Krieg gerecht auf alle
Bevölkerungsschichten zu verteilen.

Die Hungerkrise im Ersten Weltkrieg lag offenbar auch an ungünstigen
Entscheidungen: Um Kartoffeln als Lebensmittel zu sichern, ordnete die
Regierung die millionenfache Schlachtung von Schweinen an. „Dies trieb den
Fleischpreis in die Höhe, was nicht nur Bauern, sondern auch Städter dazu
veranlasste, illegal Schweine zu halten und sie mit einem weiteren
Grundnahrungsmittel – Getreide – zu füttern“, erklärt Blum. Um die hohen
Fleischpreise zu zügeln, wurde die Schweinezucht schließlich wieder
gefördert.

Für seine Studie wertete Blum Daten von fast 5.000 Soldaten aus dem
Zweiten Weltkrieg aus: Für seinen Angriffskrieg mobilisierte das Dritte
Reich einen Großteil der jungen Männer und erfasste Informationen zu allen
Rekruten: darunter den Wohnort, den Beruf des Vaters, den
Gesundheitszustand und die Körpergröße.

Lebensmittelkarte aus dem Ersten Weltkrieg (Bild: Wikipedia Comos)
Das Pro-Kopf-Einkommen wirkt sich auf den Ernährungs- und
Gesundheitszustand von Kindern aus. Die Grafik zeigt die Körpergröße von
im Ersten Weltkrieg geborenen junger Männer; die Daten stammen aus
Rekrutenregistern im Zweiten Weltkrieg. (Diagramm: M. Blum/TUM)
Im Ersten Weltkrieg sank die Produktion von Grundnahrungsmitteln auf etwa
die Hälfte des Vorkriegswerts. (Diagramm: M. Blum/TUM)
Im Vergleich zu den Vorkriegsjahren 1913/1914 kam die Fleischproduktion im
Krieg fast vollständig zum Erliegen. Das Diagramm zeigt die Anzahl von
Schlachtungen in Dortmund. (Diagramm: M. Blum/TUM)

Bildmaterial:
http://mediatum.ub.tum.de/?cfold=1214505&dir=1214505&id=1214505#1214505

Publikation:
War, food rationing, and socioeconomic inequality in Germany during the
First World War, Matthias Blum, The Economic History Review,
DOI: 10.1111/j.1468-0289.2012.00681.x

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