KARPFENTEICH

Wahlprogramme im Verständlichkeits-Check: CSU formuliert am deutlichsten
– AfD kaum verständlich

Analyse der Universität Hohenheim: Parteien im EU-Wahlkampf überfordern
Bürger durch schwer verständliche Wahlprogramme

Deutschlands Parteien verspielen größtenteils die Chance, den Bürgern
Europa und die eigenen politischen Ziele durch ihre Wahlprogramme im
Detail dazulegen. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Verständlichkeits-
Check des Kommunikationswissenschaftlers Prof. Dr. Frank Brettschneider
von der Universität Hohenheim. Die häufigsten Verstöße gegen Verst
ändlichkeits-Regeln: Fremd- und Fachwörter wie „Drug Checking“ (Linke),
Denglish wie „Transition-Town-Bewegung“ (Grüne), zusammengesetzte
Monsterwörter wie „Umsatzsteuerkarusellbetrug“ (CDU) und ungezählte
Bandwortsätze mit bis zu 50 Wörtern. Kurzfassung der Studie unter www.uni-
hohenheim.de/presse

Immerhin: verglichen mit den vergangenen drei Jahrzehnten gehören die
Parteiprogramme im diesjährigen Wahlkampf noch zu den verständlichsten, so
ein weiteres Ergebnis des Kommunikationswissenschaftlers Prof. Dr.
Brettschneider.
Um Aussagen wie diese zu treffen, unterzog er die Wahlprogramme aller
Parteien seit 1979 einer Computeranalyse im sogenannten „Text Lab“. Dieses
Spezialprogramm berechnet anhand der gängigsten Ansätze zur
Verständlichkeitsforschung den sogenannten „Hohenheimer
Verständlichkeitsindex“. Dieser reicht von 0 (überhaupt nicht
verständlich) bis 20 (maximal verständlich).
Ein Beispiel: „Eine durchschnittliche Doktorarbeit in den
Politikwissenschaften hat eine Verständlichkeit von 4,3“, erläutert Dr.
Anikar Haseloff von der Firma H&H CommunicationLab GmbH, die die Software
in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Brettschneider entwickelte. „Die Politik-
Beiträge in der Bild-Zeitung haben eine durchschnittliche Verständlichkeit
von 16,8“, ergänzt sein Kollege Oliver Haug.

Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze
• Mit 13,0 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex hat
die CSU das formal verständlichste Europawahlprogramm zur diesjährigen
Wahl, wie auch das verständlichste aller untersuchten Europawahlprogramme
seit 1979. Am unverständlichsten ist 2014 das Wahlprogramm der AfD.
• Mit einer durchschnittlichen Verständlichkeit von 8,9 ist die
diesjährige Europawahl die verständlichste aller Europawahlen seit 1979.
• Das längste Programm stammt – wieder einmal – von den Grünen (ca.
120 Seiten mit rund 30.000 Wörtern). Das kürzeste Programm ist der
Europaplan der CSU (ca. 17 Seiten mit rund 4.200 Wörtern).
• Die häufigsten Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln:
Fremdwörter und Fachwörter, Wortkomposita und Nominalisierungen,
Anglizismen und „Denglisch“, lange „Monster- und Bandwurmsätze“.
• Zu den häufigsten Begriffen in den Wahlprogrammen gehören 2014
„Europa“, die „EU“ und das entsprechende Adjektiv „europäisch“. Vor allem
bei der AfD, der CDU und der CSU ist außerdem noch relativ häufig
„Deutschland“ zu lesen. Die AfD nennt nur sich selbst noch etwas häufiger.
Die Wurzeln der CSU werden durch die relativ häufige Nennung von „Bayern“
deutlich.

CDU liegt weit vor der AfD – zumindest bei der Verständlichkeit
Will man die Wahlprogramme entsprechend ihres Verständlichkeitsindexes
auflisten, ergibt sich folgende Rangfolge:
• CSU: 13,0
• CDU: 9,5
• SPD: 8,9
• Bündnis 90 / Die Grünen: 7,7
• FDP: 7,5
• Linke: 6,8
• Alternative für Deutschland: 6,4

Besonders auffällige Beispiele für Wortungetüme sind (Reihung alphabetisch
nach Partei):
• viele Parteien haben überlange Sätze mit mehr als 50 Wörtern
• konfiskatorische Staatseingriffe (AfD)
• Solvency-II-Eigenkapitalregime (CDU)
• Schuldenvergemeinschaftung (CSU)
• Subsidiaritäts-Instrumentarium (FDP)
• Immaterialgüterrechte (Grüne)
• Grundschleppnetzfischerei (Linke)
• Normenkontrollmechanismus (SPD)

Gleichzeitig warnen die Kommunikationswissenschaftler davor, aus der
Verständlichkeit auch auf die politische Qualität der Parteiprogramme zu
schließen: „Die von uns gemessene formale Verständlichkeit ist natürlich
nicht das einzige Kriterium, von dem die Güte eines Wahlprogramms
abhängt“, bekräftigt Claudia Thoms, Co-Autorin der Studie am Lehrstuhl von
Prof. Dr. Brettschneider. Und Co-Autorin Lucie Buttkus formuliert noch
verständlicher: „Unfug wird nicht dadurch richtig, dass er formal
verständlich formuliert ist. Und unverständliche Formulierungen bedeuten
nicht, dass der Inhalt falsch ist.“

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