KARPFENTEICH

Alles andere wäre auch eine Sensation gewesen – nämlich auf jene auftrumpfende Geste zu verzichten, seinem zunehmend schlechter werdenden Image keine Nahrung zu geben, buchstäblich kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen und ausgerechnet am Tag des Sieges, einem der wichtigsten aller russischen, sogar postsowjetischen Gedenk- und Feiertage, eben nicht auf die jüngst annektierte Krim zu fliegen, um dort höchst selbst die Schwarzmeerflotte im legendären Sewastopol zu inspizieren.

Nein, so viel Einsicht und Entspannungswillen – das wäre von Wladimir Putin wohl tatsächlich zu viel verlangt. Äußerlich scheint jede Kritik an der Krim-Annexion an ihm abzuperlen. Diese rechtswidrige Landnahme, für die er immer die Verantwortung wird tragen müssen, nun ausgerechnet an solch einem Tag mit seinem Besuch zu verbrämen, an dem die Menschen in allen Nachfolgerepubliken der ehemaligen Sowjetunion ihrer im Zweiten Weltkrieg umgekommenen Angehörigen und Vorfahren gedenken, das provoziert Bitterkeit.

Ein Feiertag der Freude, aber mit Tränen in den Augen – so wird der 9. Mai in einem beliebten Lied charakterisiert, das noch aus UdSSR-Zeiten stammt, das aber noch heute jedes Kind in Russland kennt. Diese Gefühlslage können auch die Fernsehbilder nicht überdecken, die Putin heute Abend in Sewastopol inmitten fröhlich jubelnder Menschen zeigen. Denn das ist nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit.

Gewiss, heute hat Putin viele Anhänger auf der Krim. Sie sind immer noch begeistert von seinem Coup im Frühjahr, dem fernen ungeliebten Kiew ihre Halbinsel entrissen zu haben. Dieses Bad in der frohlockenden Menge der Sewastopoler hat Putin erkennbar genossen. Er hat entspannt gewirkt wie schon lange nicht. Was zählt da schon die Anmaßung – um einen stärkeren Ausdruck zu vermeiden -, eben von “den” Völkern der Krim geredet zu haben, die sich nun angeblich – O-Ton Putin – in fester Haltung entschlossen haben, künftig mit Russland zusammen zu sein? Und was, bleibt zu fragen, ist mit den protestierenden Krim-Tataren, den sich zur Ukraine bekennenden Menschen auf der Halbinsel?

Überhaupt – die Ukraine. Dass Putins aus Kiewer Sicht unerbetener Besuch auf der Krim – auf ukrainischem Territorium, wohlgemerkt – als weitere Provokation Moskaus gewertet wird: Wer kann dem ukrainischen Übergangs-Premier Jazenjuk diese Reaktion verdenken? Und nur einige hundert Kilometer Luftlinie von Sewastopol entfernt, in der Südostukraine, sterben auch heute, am Tag des Sieges, wieder Menschen in heillosen Kämpfen. Dem daran mindestens mittelbar nicht unbeteiligten russischen Präsidenten ist das indes keine klare Stellungnahme wert, weder heute Vormittag in Moskau noch nachmittags in Sewastopol.

Dieser Tag des Sieges heute kennt nur Verlierer, und das sind vor allem die Menschen im südostukrainischen Slawjansk, in Luhansk, in Kramatorsk oder in Mariupol, seien sie nun – wie es immer auch heißen mag – pro-russisch oder pro-ukrainisch.

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