KARPFENTEICH

Ein internationales Forscherteam analysiert erstmals Darmbakterien heute
lebender Jäger und Sammler

Die Darmflora beeinflusst zahlreiche Aspekte der Gesundheit und
Nährstoffaufnahme beim Menschen, doch bisher konzentrierte sich die
Forschung hauptsächlich auf „westliche“ Bevölkerungsgruppen. Ein
internationales Forscherteam, dem auch Wissenschaftler des Max-Planck-
Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig angehören, hat nun
erstmals die Darmflora einer modernen Jäger- und Sammlergesellschaft, der
in Tansania lebenden Hadza, untersucht. Dabei fanden die Forscher heraus,
dass sich das Mikrobenprofil der Hadza von denen aller anderen bisher
untersuchten Menschengruppen unterscheidet. Die Bakterien im
Verdauungstrakt der Hadza spielen also möglicherweise eine entscheidende
Rolle bei der Anpassung an ihre spezielle Ernährungs- und Lebensweise. Die
Studie zeigt auch, wie die Darmflora bereits unseren Vorfahren dabei
geholfen haben könnte, sich an die Lebensbedingungen während der Steinzeit
anzupassen und zu überleben.

Bakterienpopulationen entwickelten sich gemeinsam mit dem Menschen über
mehrere Millionen Jahre hinweg und halfen ihm dabei, sich an neue
Umweltbedingungen und Nahrungsmittel anzupassen. Aus Studien zu den in
Tansania lebenden Hadza können Wissenschaftler lernen, wie Menschen als
Jäger und Sammler im selben Lebensraum und mit ähnlichen Nahrungsmitteln
wie unsere Vorfahren in der Steinzeit überleben.

Unter der Leitung von Stephanie Schnorr und Amanda Henry vom Max-Planck-
Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig verglich ein
interdisziplinäres Forscherteam Mikroorganismen aus dem Verdauungstrakt
der Hadza mit denen von Italienern, die in einem städtischen Umfeld leben
und die „westliche Bevölkerung“ repräsentieren. Das Ergebnis, welches
kürzlich in Nature Communications veröffentlicht wurde, zeigt dass die
Hadza im Vergleich zu den Italienern eine vielfältigere Darmflora, also
mehr Bakterienarten, besitzen. „Das ist für die menschliche Gesundheit
äußerst relevant“, sagt Stephanie Schnorr. „Einige vor allem in
Industrienationen vorkommende Krankheiten, wie zum Beispiel das
Reizdarmsyndrom, Darmkrebs, Adipositas, Diabetes Typ 2, Morbus Crohn und
andere, stehen in Verbindung mit der Verringerung der Diversität der
mikrobiellen Darmflora.“

Die Darmbesiedlung ist sehr gut an die Verdauung unverdaulicher Fasern aus
einer pflanzenreichen Kost angepasst und hilft den Hadza möglicherweise
dabei, den faserreichen Nahrungsmitteln mehr Energie zu entnehmen.
Überraschenderweise haben die Forscher festgestellt, dass es bei den
Hadza-Männern und -Frauen hinsichtlich der Art und Anzahl ihrer
Darmbakterien erhebliche Unterschiede gibt. Dies wurde bisher bei keiner
anderen menschlichen Bevölkerungsgruppe beobachtet. Während die
Hadza-Männer Wild jagen und Honig sammeln, übernehmen die Frauen das
Sammeln von Knollen und anderen pflanzlichen Nahrungsmitteln. Obwohl sie
diese dann miteinander teilen, isst jedes Geschlecht ein wenig mehr von
der selbst beschafften Nahrung.

„Die Unterschiede in der Darmflora der Geschlechter reflektieren diese
geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“, sagt Stephanie Schnorr. „Die
Hadza-Frauen verfügen offensichtlich über mehr Bakterien zur Verarbeitung
faserreicher pflanzlicher Nahrung, was sich direkt auf ihre Fruchtbarkeit
und ihren Fortpflanzungserfolg auswirkt.“ Diese Befunde zeigen, welche
Schlüsselrolle die Darmbesiedlung im Laufe der menschlichen Evolution
gespielt hat, wenn es um die Anpassung an verschiedene Ernährungsweisen
ging.

Die Zusammensetzung der mikrobiellen Flora im Verdauungstrakt der Hadza
ist einzigartig. Sie enthält eine große Anzahl an Bakterien, wie
Treponema, die in der „westlichen” Bevölkerung oft als Anzeichen für
Krankheiten gedeutet werden. Andere Bakterien, wie Bifidobacterium, die in
der „westlichen“ Bevölkerung als „gesund“ gelten, sind bei den Hadza
vermindert. Dennoch treten bei den Hadza kaum durch ein Ungleichgewicht
der Darmbakterien verursachte Autoimmunkrankheiten auf. Unser Verständnis
von „gesunden“ und „ungesunden“ Bakterien muss daher neu definiert werden,
weil diese Unterscheidungen davon abhängen, in welcher Umwelt wir leben.
Die genetische Vielfalt der Bakterien ist dabei möglicherweise das
wichtigste Kriterium für eine gesunde und stabile Darmflora.

„Die Mikroorganismen, die uns besiedeln sind unsere ‚alten Freunde‘, die
uns bei der Anpassung an verschiedene Lebensweisen und Umweltbedingungen
unterstützen“, sagt Amanda Henry, die die Max-Planck-Forschungsgruppe für
Pflanzliche Nahrungsstoffe und Nahrungsökologie von Homininen leitet.
„Unsere Untersuchung der Darmflora der Hadza erweitert unser Wissen
darüber, wie Mensch und Mikroorganismus sich an das Leben in der Savanne
angepasst haben. Darüber hinaus zeigt sie, wie Darmbakterien unseren
Vorfahren möglicherweise dabei geholfen haben, sich an die
Lebensbedingungen während der Steinzeit anzupassen und zu überleben.“

Originalpublikation:
Stephanie L. Schnorr, Marco Candela, Simone Rampelli, Manuela Centanni,
Clarissa Consolandi, Giulia Basaglia, Silvia Turroni, Elena Biagi, Clelia
Peano, Marco Severgnini, Jessica Fiori, Roberto Gotti, Gianluca De Bellis,
Donata Luiselli, Patrizia Brigidi, Audax Mabulla, Frank Marlowe, Amanda G.
Henry & Alyssa N. Crittenden
Gut microbiome of the Hadza hunter-gatherers
Nature Communications, 15. April 2014, Doi: 10.1038/ncomms4654

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