KARPFENTEICH

Der deutsche Mindestlohn

Die Deutschen sind schon jetzt in Spargelstimmung, da lässt sich prima das Schreckgespenst einer Preisexplosion an den Himmel über den Feldern malen, jetzt oder nie. Wahrscheinlich schon am Mittwoch will die Bundesregierung nämlich den Mindestlohn auf den Weg bringen. Dann geht´s in die Beratungen im Bundestag, und dort kann es noch Änderungen geben. Eine Ausnahme für die Landwirtschaft vielleicht? Darauf hoffen die Bauern. Für sie ist es also höchste Zeit, den spargelbegeisterten Deutschen dunkle Zukunftsvisionen aufzutischen. Kommt der Mindestlohn von 8,50 Euro, werden die Preise für Spargel, Erdbeeren oder Radieschen in die Höhe schießen, und die ersten Betriebe drohen schon damit, dicht zu machen. So weit, so gut gebrüllt.

Es empfiehlt sich jetzt ein ausgeruhter Blick auf das, was Bundesarbeitsministerin Nahles plant. Der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro soll zwar zum 1. Januar kommen, es sollen aber noch zwei Jahre lang Ausnahmen möglich sein. Wenn sich Arbeitgeber und Gewerkschaft darauf einigen, können noch bis Ende 2016 weniger als 8,50 gezahlt werden. Die Fleischbranche mit ihrem Ausbeuterimage steuert gerade auf eine solche Ausnahme zu. Jahrelang passierte gar nichts in Sachen Lohn und Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen, dann taucht der Mindestlohn am Horizont auf, und plötzlich ist ein Tarifvertrag möglich. Den wird das Arbeitsministerium für allgemeinverbindlich erklären, so dass er für alle in der Branche gilt, also auch für die Arbeiter aus Osteuropa. Es geht doch.

Eine solche Einigung sollte auch für die Landwirtschaft möglich sein mit ihren Erntehelfern aus Polen oder Rumänien. Die Bauern versuchen mit ihrem Wehgeschrei im Moment nur die Preise hochzutreiben für die Verhandlungen mit der Gewerkschaft. Und vielleicht, so die Hoffnung, macht ja auch noch der andere Wahlkreisabgeordnete der CDU in Berlin Druck.

Aber es ist gut, dass Arbeitsministerin Nahles hier Härte zeigt, sie will keine dauerhaften Ausnahmen für einzelne Branchen zulassen. Und dass der Spargel durch den Mindestlohn teurer wird, das sollte nun wirklich niemanden verwundern, vor allem nicht die Deutschen, die sich in Umfragen regelmäßig für den Mindestlohn aussprechen. Und bitte ernsthaft – warum sollten ausgerechnet die, die sich für unseren Spargelgenuss im Frühjahr wochenlang den Buckel krumm machen, nicht den Mindestlohn bekommen?

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