KARPFENTEICH

Ostern! Das klingt wie ein Aufatmen. Frei, Freunde, Familie, Frühling. Auch wenn der Frühling in diesem Jahr ausfällt, kann das unsere Freude an dieser willkommenen Auszeit von den Zumutungen des Alltags kaum trüben. Ob das ungemütliche Wetter dazu führt, dass mehr Menschen an den Ostertagen mal wieder einen Gottesdienst besuchen, um hier eine Auszeit zu finden? In einer Welt, die Selbstverwirklichung als singuläre Form des Glücks empfindet, sind auch an hohen Feiertagen volle Kirchen nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme. Glaube, Auferstehung und Erlösung sind Vokabeln, die in den allermeisten Ohren mittlerweile wie Fremdwörter klingen. Wer mit ihnen aufgewachsen ist, mag ihrer Wirkung bei einem Kirchenbesuch nachspüren. In jedem Fall aber werden uns Einkehr, Sammlung und Besinnung gut tun – egal, ob wir bei den Überforderungen im Berufsleben, bei Konflikten in der Partnerschaft oder im Angesicht von Schicksalsschlägen immer wieder an die Grenzen unserer Ich-Bezogenheit stoßen.

Die Verkörperung des Unbedingten

Welche Faszination der Glaube ausstrahlen kann, hat zuletzt die Papst-Wahl gezeigt. Mit einem Mal ist die Aufmerksamkeit für die Zeichen, die Franziskus an seinem ersten Osterfest in alle Welt aussenden wird, so groß wie die Aufmerksamkeit für die Behandlung politischer oder wirtschaftlicher Schicksalsfragen. Mit seiner Unbedingtheit, für die der Papst vom anderen Ende der Welt nicht nur Gesten und Symbole findet, sondern die er ganz offenbar verkörpert, wird der Argentinier allerdings noch für manche Verstörung sorgen. Nicht nur in der byzantinischen, auf Pomp und Regelwerk fixierten römischen Kurie – ein Konflikt, dem wir seltsamerweise entgegen fiebern, wie der nächsten Folge einer spannungsgeladenen TV-Soap. Ein Papst, der Gott nicht in der Bibliothek, sondern unter den schwachen und benachteiligten Menschen sucht, ist von der satten, bürgerlich-christlichen Kultur Europas noch weiter entfernt als die vielen Tausend Flugmeilen nach Buenos Aires. Es wird nicht lange dauern, bis das Faszinosum seiner Demut als Zumutung empfunden wird. Von Bischöfen, die sich der Erwartung ausgesetzt sehen, dem Vorbild dieses Hirten nachzueifern. Von Gläubigen, die erkennen müssen, dass ihre Forderungen nach mehr Ökumene, nach Aufgabe des Zölibats und auch nach einer Aufwertung der Frauen in der Kirche diesen Papst gar nicht erreichen. Und von den Verteidigern der Besitzstände, also von uns allen. Weil wir – wenn wir ehrlich sind – die Armut verachten, ohne teilen zu wollen, weil wir uns eine gerechtere Welt wünschen, ohne verzichten zu müssen.

Tweet about this on TwitterShare on Facebook0Share on Google+0Share on LinkedIn0
Author :
Print