KARPFENTEICH

Angela Dorothea Merkel, die deutsche Kanzlerin, zuweilen auch Europas Königin genannt, weilt in Griechenland, wo sie von der wütenden Menge mit Rufen und Bannern vom Typ “Hau ab, Du Hitlers Tochter!” begrüßt wurde – um nur die zivilisierteren Beispiele der schöpferischen Tätigkeit der griechischen Demos anzuführen.

Die informelle Herrscherin der Eurozone wird wahrscheinlich einige ermunternde Worte an den griechischen Ministerpräsidenten richten und ihm versprechen, Griechenland so lange es geht in der Eurozone zu halten. Sie macht gute Miene zum bösen Spiel: Sie kann Griechenland nicht erlauben, den Gürtel zu lockern und das mörderische Programm der “Wirtschaftsreformen” zu modifizieren, da sie von Millionen schwer arbeitender deutscher Steuerzahler gelyncht worden wäre.

Ein Verzicht auf das ineffiziente Kürzungsprogramm hätte auch ein Eingeständnis bedeutet, dass die ganze bisherige Antikrisenpolitik der Union keinen Pfifferling Wert ist. Und dass wäre für Merkel der politische Selbstmord. Merkel will auch nicht, dass Griechenland aus der Eurozone herausgeschmissen wird. Wie die Griechen fürchtet auch sie die Folgen eines solchen Schritts – eine Eskalation der Krise und einen eventuellen weiteren Zerfall der europäischen Konstruktion. Also hat die deutsche Kanzlerin beschlossen, die Eurozone unter Zuhilfenahme von Pflaster und Kaugummi weiter zu flicken. “Es wird schon irgendwie werden”, hofft sie.

Da wird man Griechenland wieder irgendein Darlehen bewilligen, damit sie die Schulden bei den Bankern bedienen können, die Griechen werden einige Tausend Beschäftigte im öffentlichen Dienst entlassen, und der EZB-Chef Mario Draghi wird sich wieder irgendein magisches Kunststück einfallen lassen, um die Spekulanten abzulenken. Ein Nebeneffekt dieser Politik wird jedoch sein, dass die Schlüsselprobleme ungelöst bleiben, und mindestens die Hälfte Europas Merkel und die Deutschen für die verordnete fiskalische Rosskur hassen werden.

Als die glücklichste könnte sich vielleicht die radikalste Lösung erweisen: Der Austritt Deutschland und anderer fiskalischer Rigoristen (Finnland, die Niederlande) aus der Eurozone. Seit Längerem fordert dies Roger Bootle, ehemaliger Berater von Premier John Major. Berlin würde dann dem Süden seine verfehlten Rezepte für die Krisenbekämpfung nicht mehr aufzwingen. Es müsste dann kein Geld mehr für Griechenland und Spanien auslegen und bräuchte das Phantom der Inflation im Zusammenhang mit den EZB-Aktivitäten nicht mehr zu fürchten.

Die Länder des Südens wiederum würden dank des schwächeren Euros ihre Wettbewerbsfähigkeit allmählich wiederherstellen, Wirtschaftswachstum erarbeiten und ihre Schulden schrittweise abbauen. Deutschland aber bliebe weiterhin ein weltweit respektierter Exportstaat, nur wäre seine Handelsüberlegenheit etwas geringer. Es hätte daher seinen Binnenmarkt stärken und dafür den Steuerzahlern etwas mehr Geld in der Tasche lassen müssen. Das kann es sich leisten. Die deutsche Bevölkerung würde nach den Jahren der Einschränkungen im Lohn- und Sozialbereich aufatmen. Zufrieden wären auch die Griechen und der Rest Europas.

Und Angela Merkel würde als eine Bundeskanzlerin von der Größe Adenauers in die Geschichte eingehen. Möglicherweise würde man sie in den Straßen Athens auch freundlicher begrüßen.

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