KARPFENTEICH

Nach drei Jahren voller Gegenmaßnahmen und verspäteter Reaktionen, die stets im nächsten Moment von den Ereignissen ad absurdum geführt wurden, sind alle Akteure in diesem Spiel – Regierungen, Märkte und Bürger – zu der Überzeugung gelangt, dass die Eurozone über dem Abgrund schwebt. Wenn alle den Kopf in den Sand stecken, dann weil sie ganz genau wissen, dass ihnen nicht gefiele, was sie sähen, wenn sie hinschauen würden.

In erster Linie sähen sie nämlich eine Gemeinschaftswährung, die diesen Namen nur bei oberflächlicher Betrachtung verdient. Wäre sie tatsächlich eine gemeinschaftliche Währung, dann wäre sie auch mit währungstypischen Merkmalen ausgestattet: mit einer Zentralbank, die als letztinstanzlicher Kreditgeber fungieren würde und die zur Stärkung der Währung zu unbegrenzten Eingriffen in das Marktgeschehen bereit wäre… Außerdem gäbe es eine gemeinschaftliche Steuer- und Haushaltspolitik, die über die erforderlichen Mittel zur Vorbeugung und Abwehr von Krisen… verfügen würde, und es gäbe definitiv Rückendeckung durch eine richtige europäische Wirtschaftsregierung. Aber nichts von alldem wäre bei genauem Hinsehen zu entdecken…

Die Situation ist aus den Fugen geraten, aber sie ist nicht unumkehrbar. Auch wenn es sich wie ein Märchen anhört: Es kann noch alles gut werden, wenn wir den Kopf aus dem Sand ziehen… Die politische Erfahrung sagt uns, dass die Eurozone nicht unausweichlich zum Kollaps verdammt ist, sondern dass wir sie noch retten können. Allerdings ist das einfacher gesagt als getan, denn was wir zu ihrer Rettung benötigen, ist genau das, was wir nicht bekommen können, weil Berlin sich auf der ganzen Linie querstellt. Doch lassen wir einmal die Vorwürfe gegenüber Deutschland beiseite. Was jetzt nottut, sind ernsthafte Gespräche mit Berlin, die deutlich machen, dass wir die Solidarität Deutschlands zwar schätzen, dass sie jedoch nicht das ist, was wir in der aktuellen Situation brauchen. Was uns hilft, ist vielmehr ein offen gezeigter deutscher Egoismus, die Einsicht, dass sich die Bemühungen um den Erhalt der Eurozone für Deutschland selbst lohnen und nicht für uns. Berlin muss für sich die Rechnung aufmachen und uns sagen, bis zu welchem Grad es diese Gemeinschaft mittragen und bis zu welchem Punkt es gehen will.

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