Das Europa mit China

Posted by Günter K.V. Vetter on 17/05/12

Während der Finanzkrise glaubte man, das Feindbild von François Hollande eindeutig ausgemacht zu haben: Es war die Finanzwelt. Doch als wäre das nicht genug, hat sich die Liste jetzt verlängert: Der Gegner ist China… “Sie betrügen auf der ganzen Linie – mit ihrer Währung, in der Forschung. Das Problem ist, dass viele große Unternehmen Verträge mit China unterhalten. Sie hindern uns daran, gegenüber Produkten aus diesem Land strenger durchzugreifen. Wir brauchen für diesen Konflikt die Unterstützung weiterer europäischer Länder… Aber auch das gestaltet sich leider schwierig”, stellte der künftige Präsident (vor kurzem) fest. “Die Deutschen verfolgen nun einmal vielerlei Interessen in China, und auch andere Länder (sind engagiert), wenngleich weniger.”…

François Hollande hat absolut Recht, wenn er die Unterstützung der anderen europäischen Länder zu gewinnen sucht, um mit den Chinesen ein offenes Wort zu reden. Und es stimmt auch, dass die gesammelten deutschen Interessen in China die Dinge komplizierter machen… Wo finden sich Käufer für die Produkte (der stark exportabhängigen deutschen Industrie) außerhalb der EU? Auf dem rasch wachsenden asiatischen Markt natürlich!… Wenn Premierminister Wen Jiabao nach Berlin kommt, wird er von dreizehn Ministern begleitet; wenn Präsident Hu Jintao Bundeskanzlerin Angela Merkel in Peking empfängt, glaubt er, die Chefin von ganz Europa vor sich zu haben… Das besondere deutsch-chinesische Verhältnis – so lautet das Ergebnis (einer Studie) des European Council on Foreign Relations – ist “zugleich Chance und Risiko für das übrige Europa”. Es bietet eine Chance, weil Deutschland für Europa ein Sprungbrett ist. Aber es birgt auch ein Risiko, weil Deutschland versucht sein könnte, sich an Europas Stelle zu setzen.

An diesem Punkt wird klar, was François Hollande… mit seiner Äußerung meint. Nicht einmal Deutschland mit seinem wiedergewonnenen Stolz und seiner florierenden Wirtschaft kann in der heutigen Welt mit der chinesischen Wirtschaft auf Augenhöhe konkurrieren. Die Globalisierung hat die Mittelmächte zurückgestutzt. Nur Europa als Ganzes hat genug kritische Masse, um ernstgenommen zu werden. Und es gibt noch einen Grund, warum Berlin nicht für ganz Europa stehen kann – schließlich ist die Wirtschaft nicht das einzige Merkmal der Macht, das wissen die Chinesen besser als alle anderen. Was die militärische Verteidigung angeht, hat Deutschland, das nicht über einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat verfügt, zwar an den NATO-Operationen in Afghanistan teilgenommen, aber seine Zurückhaltung gegenüber einer Intervention in Libyen an der Seite der anderen Europäer hat gezeigt, dass seiner Bereitschaft zu Auslandseinsätzen Grenzen gesetzt sind.

So wie Europa Deutschland braucht, ist Deutschland auch auf Europa angewiesen. Und zu einem Zeitpunkt, da “Homer” – das Tandem Hollande-Merkel – Europa neue Impulse geben könnte, wäre es schade, “Humer” – dem Duo Hu-Merkel – den Vorrang zu lassen.

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