Die deutschen Europäer und die historische Politik
Die Deutschen können es. Und das nicht nur in der Wirtschaft, bei der Verteidigung ihrer Wirtschaftsinteressen und der von ihnen geschaffenen politischen Projekte der EU, nicht nur im Fußball, und nicht nur in Sachen Luxusfahrzeuge und Autobahnen.
Sie wissen auch mit Politikern fertig zu werden. Jene, die auf Abwege geraten, den Verlockungen von Übernachtungen in superexklusiven Hotels und Gratisfahrten mit neuen Autos erliegen, verstehen sie, aus dem Amt zu entfernen. Sie verstehen es auch, nahezu einstimmig, per Beschluss der vier für gewöhnlich zerstrittenen Parteien jemand in dieses Amt zu berufen, der kein typischer Politiker ist, eigentlich gar kein Politiker, sondern eine Art “Stimme des Gewissens”, und das auch noch mit einem deutlich östlichem DDR-Akzent.
Zuerst haben die Deutschen für eine Überraschung gesorgt, als sie zeigten, dass sie einen Politiker als Präsidenten nicht akzeptierten, der einige Wochen lang täglich in den Zeitungen Neuigkeiten über seine Probleme der Vorteilsnahme las. Nun ist Christian Wulff nicht mehr Präsident, und viele Völker, die über ihre eigenen Politiker mit zuweilen viel weitreichenderen Verstrickungen als Wulffs Ähnliches lesen müssen, beneiden die Deutschen.
Die jüngste Überraschung ist, dass vier Parteien Joachim Gauck als neuen Präsidenten unterstützen…. Für die meisten nachdenklichen Menschen besonders erstaunlich ist die Tatsache, dass es den Deutschen möglich ist, sich als Präsidenten jemanden auszusuchen, der in den Lebensläufen der Menschen herumgestochert hatte; jemanden, der die Ansicht vertritt, dass die Einschränkung des Zugangs zu den Wahrheiten, die in den Archiven der kommunistischen Sicherheitsdienste schlummern, nicht den Opfern, sondern deren Folterknechten diene; jemanden, der als Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde “gegen das Vergessen dessen, was die DDR und ihr Unrechtssystem gewesen ist” gekämpft hatte, was die bekehrte Kanzlerin Merkel gerade als Gaucks Verdienst hervorgehoben hat.
Jetzt stammen zwei Spitzenpolitiker des wichtigsten EU-Staates, die Kanzlerin und der künftige Präsident, aus der DDR. Und beide wissen, was das kommunistische System gewesen ist. Und sie schämen sich nicht, darüber zu sprechen. Berücksichtigt man die Unterstützung der beiden für das Gedenken der Aussiedlungen der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, kann man sagen, dass die Deutschen auch eine entschlossene historische Politik zu betreiben wissen.


