KARPFENTEICH

Vor gerade einmal acht Monaten ist die mächtigste Frau der Welt, Angela Merkel, die auch Frau Europa genannt wird, für eine zweite Amtszeit an die Spitze einer neuen Koalitionsregierung gewählt worden, diesmal zusammen mit den Liberalen von der FDP. Jetzt sieht sie sich dem Argwohn seitens ihrer Wähler sowie harter internationaler Kritik wegen ihres mangelnden Führungswillens während der Eurokrise ausgesetzt … Der Zeitpunkt ist gekommen, die politische Richtung in Europa vorzugeben, wobei die Frage offen ist, ob Deutschland, ob Angela Merkel bereit ist, in der schwankenden Union die Führung zu übernehmen …

Merkel versteht sich als Europäerin in der Nachfolge von Konrad Adenauer und Helmut Kohl, d.h. von zwei Persönlichkeiten mit höchster Bedeutung für Europa. Andererseits beschäftigt sie ganz offensichtlich auch die Meinung des deutschen Durchschnittsbürgers, ihres Wählers, dem nicht verborgen geblieben ist, dass die deutschen Bemühungen, den Untergang des Euro und das damit verb undene Scheitern des Projektes Europa zu verhindern, mit enormen politischen Komplikationen und wirtschaftlichen Risiken behaftet sind. Es ist bei einer gewieften Strategin wie Merkel schwierig zu beurteilen, ob ihre Äußerungen eher Ausdruck von wahltaktischem Kalkül oder von persönlicher Überzeugung sind … In ihrer Rolle als Politprofi nimmt sie eher die Haltung einer Professorin ein; sie ist immer gut vorbereitet, extrem geduldig und sehr versiert in der Vermittlung zwischen verschiedenen Gruppen … Aber wenn sie fotografiert werden soll, scheint die Kanzlerin, die einen Doktortitel in Physik hat und einst an der Akademie der Wissenschaften der ehemaligen DDR geforscht hat, auch mit 55 Jahren in ihrer zweiten Amtszeit immer noch einen Augenblick zu brauchen, um sich darauf einzustellen. Sie drückt dann in einer ihrer einstudierten Gesten die Fingerspitzen beider Hände gegeneinander und setzt ihr Fotografiergesicht auf; ihre scheinbar unbeholfene Ausstrahlung ist vielfach in Karikaturen verewigt worden. Doch ihre wahren Züge werden erst dann sichtbar, wenn sie spontan lächelt. Das Lächeln erfüllt ihr Gesicht mit Leben.

Zur Zeit bietet die politische Situation der Kanzlerin allerdings wenig Grund zur Freude. Während man bei den französischen Nachbarn weniger Einwände gegen die Griechenlandhilfe und den Euro-Rettungsfonds hegt, hat die Debatte beim deutschen Partner bis vor das Verfassungsgericht geführt … Angela Merkel weiß um die verheerende Konsequenz einer negativen Entscheidung für die europäische Finanzlage; ihr zögerliches Handeln begründet sie mit eben jenen (innenpolitischen) Hindernissen und zählt dabei mit wissenschaftlicher Akribie die einzelnen parlamentarischen und juristischen Hürden auf, die der deutsche Beitrag zur Rettung Griechenlands und zum Euro-Stabilisierungsfonds nehmen muss … Im Umgang mit ihren ausländischen Kollegen verweist Angela Merkel immer gerne darauf, dass jeder so seine Eigenarten habe.

In der Tat hat ein Teil der öffentlichen Meinung in Deutschland se hr, sehr viele Einwände. So zum Beispiel … eine mitgliederstarke Gruppe, die das Vorgehen der Regierung in Berlin ablehnt und Griechenland stattdessen bankrott gehen lassen will. Und sollten Portugal und Spanien mit in den Abgrund gerissen werden – dann müssten auch sie sehen, wie sie damit fertig werden … Zu dieser Auffassung hat auch der von Teilen der deutschen Kommunikationsmedien betriebene euroskeptische Populismus in ganz erheblichem Maße beigetragen. Über Monate sahen sich Millionen deutscher Zeitungleser beim Frühstück mit Horror-Schlagzeilen wie “Warum bezahlen wir den Griechen ihre Luxusrenten?” konfrontiert. Die fortwährende Kampagne ist für die aufgeheizte Stimmung mit verantwortlich …

Wenn die Griechen mit ihrem dramatischen Hilfsersuchen noch ein paar Wochen gewartet hätten, dann wäre die CDU (bei den wichtigen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen) vielleicht für die hochgelobte Härte der Kanzlerin in den europäischen Verhandlungen belohnt worden … So aber hatte der Problemfall Griechenland negativen Einfluss auf die Wahlen, die CDU verlor mehr als zehn Prozentpunkte und damit die Möglichkeit einer neuen Mehrheitsregierung mit der FDP auf Landesebene, was wiederum die konservative Mehrheit im Bundesrat in Mitleidenschaft gezogen hat … (Zudem) haben Sozialdemokraten und Grüne im Bundestag der Kanzlerin gegenüber Unnachgiebigkeit demonstriert und sich bei der Abstimmung über den 148-Milliarden-Euro-Rettungsfonds enthalten…

Selbst wenn sie ihren amtlichen Tonfall einmal bei Seite lässt, überhört Angela Merkel schlichtweg alle Einwände, die ihr trivial erscheinen; den Rest nimmt sie mit Selbstverständlichkeit auf … Aufgewachsen in der DDR als Tochter eines protestantischen Pfarrers und einer Studienrätin, die wegen ihrer Ehe mit einem Mann der Kirche nicht unterrichten durfte, … entwickelte sie sich unter diesen wenig förderlichen Umständen zu einer brillanten Schülerin, die immer etwas mehr arbeitete als ihre Mitschüler, um besser zu sein. Wahrscheinlich legt sie deshalb so viel Wert auf unbedingten Einsatz und herausragende Leistung … Die Krise hat allerdings gezeigt, dass dies nur eine Seite der Medaille ist. Die Passivität der Kanzlerin während der Welle tumber Euro-Skepsis in den letzten Monaten hat deutlich gemacht, dass es äußerst wichtig ist, auch der Stimmung in der Bevölkerung Rechnung zu tragen. Schließlich wird der Erfolg eines Politikers nicht zuletzt an den Wählerstimmen gemessen; in ihnen manifestiert sich der Wert seiner Leistung. Als geduldige Strategin und zähe Kämpferin … ist Angela Merkel daran gewöhnt zu gewinnen. Dies dürfte, neben ihrem Lächeln, ihr zweites Wesensmerkmal sein; alles andere ist Fassade …

Auf die Frage, ob die Kanzlerin willens und in der Lage ist, die Führungsrolle in Europa zu übernehmen, offenbart sich die Facette ihrer Persönlichkeit, die sich nicht festlegen lassen will … Wer von ihr mehr Klarheit und größere Entschlossenheit in der Europapolitik erwartet, der sieht sich enttäuscht … In ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Aachener Karlspreises an den polnischen Premierminister Donald Tusk unterschied Angela Merkel verschiedene politische Charaktere: auf der einen Seite “der Tatkräftige, der Mutige, der Schnelle”, auf der anderen Seite “der oder vielleicht die Zögernde, Zaudernde, Stabilitätsbesessene”. Kein Zweifel, dass Letzteres auf Merkel zutrifft. Die Kanzlerin sagte auch: “Das 21. Jahrhundert kann Europas Jahrhundert werden”, aber unter “gemeinsamer Führung” und angetrieben von der deutsch-französischen Achse. Angela Merkels Zaudern und ihre strategischen Kehrtwenden mögen so verstanden werden, als habe sich in der Wertigkeit des europäischen Geistes für die deutschen Regierungen ein Wandel vollzogen. Dass die europäische Idee bei den Bürgern schlecht im Kurs steht, ist dagegen ganz sicher.

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