Germany und Polen
Vor 20 Jahren waren nur drei Prozent der Polen der Ansicht, das Land habe keine Feinde. Heute vertritt ein Fünftel der Befragten eine solche Meinung.
Aufmerksamkeit erregend ist die Veränderung der Einstellung gegenüber Deutschland. Die Zahl der Polen, die vor dem westlichen Nachbarn Angst haben, ist von 88 Prozent auf 14 Prozent gefallen. Gegenüber Russland sind wir nicht so großzügig, aber auch hier hat man viel weniger Angst als früher.
Für ein Land, das man aufteilte, das im Krieg gegen Hitler und Stalin verblutete, das von der durch Moskau gesteuerten kommunistischen Diktatur erniedrigt wurde, geht das Abbauen von Ängsten schnell und effizient vor sich. Das ist der Ergebnis nicht nur der Vernarbung alter emotionaler Wunden, sondern auch der Tatsache, dass sich die Polen in Europa immer sicherer fühlen.
Die Quelle der Ängste liegt oft in Komplexen. Wir haben Angst vor denen, die größer, stärker und klüger sind als wir. Zum Glück sind viele Polen bereits zu dem Schluss gekommen, dass wir keinen Grund mehr haben, uns vor Deutschland zu schämen. Die “polnische Wirtschaft” ist heute die einzige Wirtschaft in Europa, die nicht eine Rezession fiel, polnische Soldaten kommen in Afghanistan besser zurecht als deutsche, und das Leben in Warschau und Posen muss nicht schlechter sein als das Leben in Berlin oder München. Sogar das Bier aus polnischen Brauereien kann es ohne weiteres mit deutschen Bier aufnehmen (obwohl es sich hier um die sehr subjektive Meinung des Unterzeichnenden handelt). Deutschland ist ein Verbündeter in der NATO und in der Europäischen Union – und der größte Handelspartner. Einen so zahmen Nachbarn hatten wir seit einigen Hundert Jahren nicht mehr.
Das bedeutet aber nicht, dass wir jetzt alle auf Befehl zu Germanophilen werden müssen. Die Frage der Ostseepipeline, der Streit um das Zentrum gegen Vertreibungen oder die manchmal allzu freundlichen Beziehungen zwischen Berlin und dem Kreml – all diese Fragen sind viel zu ernst, um sie mit einer Handbewegung abzutun, wie dies einer der Minister zu tut pflegt. Wenn wir schon vor Deutschland keine Angst haben, dann sagen wir ihnen doch mutig und direkt, was uns nicht gefällt.
Und gewinnen wir endlich ein Fußballspiel gegen sie.


