Konsequenzen aus Genf für Europa

Posted by Günter K.V. Vetter on 17/04/14

In Genf soll heute innerhalb von ein paar Stunden die Ukraine gerettet werden. Doch selbst ein Teilerfolg steht in den Sternen. Die Kulisse, vor der das Vierertreffen von Russland, Ukraine, USA und EU abläuft, könnte bedrohlicher kaum sein. Der Osten der Ukraine versinkt in Anarchie, die Nato will ihre Präsenz an ihren Ostgrenzen verstärken und die Moskauer Reaktionen sind unberechenbar. Ohne Verhandlungen kann aber die Ukraine den Notstand ausrufen. Die gegenseitigen Zwangsmaßnahmen zwischen Kiew und dem Westen einerseits und Russland andererseits werden weitergehen. Die Europäische Union steckt bei ihren Sanktionen jedoch in der Klemme: Nach Einreise- und Kontosperren geht es bei ökonomischen Schranken für Russland ans Eingemachte. Die Wirtschaft warnt vor Verlusten, Politiker wie der Luxemburger Jean-Claude Juncker wollen europäische Werte verteidigen. Wer mit Sanktionen droht, muss die Konsequenzen in Kauf nehmen.

NKK – Neuer Kalter Krieg

Posted by Günter K.V. Vetter on 17/04/14

Mit der Eroberung von Teilen der Ukraine dehnt der kleine Diktator, der sich gern mit nacktem Oberkörper ablichten lässt, nicht nur sein Riesenreich aus. Er führt es auch in die alte Frontstellung gegen den demokratischen Westen zurück. Putin, so scheint es immer mehr, zwingt die ganze Welt in einen neuen Kalten Krieg. Gerade uns in Europa wird das treffen. Und genau deshalb ist die ferne Ukraine so nah.

Koblenzer-Politik- Urteil: Deutschland schreibt in Europa Geschichte

Posted by Günter K.V. Vetter on 17/04/14

Ein hartes, aber zugleich gerechtes Urteil, das in der deutschen Justizgeschichte seinesgleichen sucht… Das Koblenzer Urteil ist eine Mahnung für alle Politiker, die glauben, internationale Finanzjongleure und ihre Absichten jederzeit zu durchschauen und ihnen bedenkenlos Steuergelder anvertrauen zu können. Politiker, die glauben, sie seien die besseren Zocker als Spekulanten, die rund um den Globus nach lukrativen Anlagemöglichkeiten jagen. Politiker, die, wenn es schief geht, glauben, bis auf – vielleicht – einen Rücktritt habe der fahrlässige Umgang mit öffentlichen Geldern keine Konsequenzen.

Ressortverantwortung, so lautete heute ein Schlüsselbegriff des Koblenzer Urteils. Ressortverantwortung bedeutet, ein Minister hatte geradezustehen für das, was in seinem Bereich geschieht, und erst recht für das, was er selbst veranlasst… Kein Fachminister kann sich nach diesem Urteil im Zweifel hinter einer wolkigen Gesamtverantwortung eines Kabinetts verstecken oder etwa einer Richtlinienkompetenz eines Regierungschefs. Ressortverantwortung heißt, geradestehen für die eigenen Unterschriften, womöglich sogar mit einer Haftstrafe.

Die Koblenzer Wirtschaftsstrafkammer sendet mit ihrem heutigen Urteil auch ein Signal an die Politik, wenn es um Großprojekte geht. Es lautet: Bevor sich jemand mit viel öffentlichem Geld ein Denkmal setzen will, soll er dreimal überlegen, auf was er sich da einlässt. Ob Nürburgring, ob neue Kulturtempel oder Riesenflughäfen – alles muss sauber finanziert sein. Wenn es nicht so ist, dann kann es eben doch sein, dass ein Ex-Minister ins Gefängnis geht. Das ist die Botschaft, die heute von Koblenz ausgeht. Sie sollte nicht nur in Mainz gehört werden, sondern auch in Hamburg, Stuttgart oder Berlin.

Das deutsche Gesundheitssystem….

Posted by Günter K.V. Vetter on 16/04/14

Nur in einem sind sich Politiker, Ärzte und Klinikbetreiber einig: Das Gesundheitssystem muss dringend reformiert werden. Und so wird es wieder eine Gesundheitsreform geben – nach 2011, 2007, 2004, 2003… Der jetzt von den Ländern aufgewärmte Gesundheitsfonds für die Umwandlung von Kliniken war schon Gegenstand der schwarz-roten Koalitionsverhandlungen im vergangenen Jahr. In letzter Minute strichen die Parteispitzen den als Abwrackprämie für Krankenhäuser kritisierten Millionenbetrag wieder – nicht zuletzt aufgrund des Drucks aus Bayern. Doch es führt kein Weg an einem Umbau der Kliniklandschaft vorbei. Einerseits gibt es in keinem OECD-Land in Relation zur Bevölkerung mehr Klinikbetten, andererseits wird der Bedarf an Pflegeeinrichtungen rasant steigen. Ohne finanzielle Anreize wird es aber nicht gelingen, Kommunen oder private Träger zur Umwidmung von Betten zu bewegen. Die Struktur des Kliniksektors und dessen Finanzierung ist nur ein Teil der erforderlichen Reformen. Die Qualität ist der andere, und der ist für die Patienten noch wichtiger. In einem System, das über Pauschalen einen möglichst kurzen Klinikaufenthalt – in Reha-Kliniken auch blutige Entlassung genannt – honoriert, bleiben Qualität und individuelle Behandlung oft auf der Strecke. Man muss sich nichts vormachen: Hightech-Medizin, über deren Einsatz jeder geheilte Patient froh ist, und eine älter werdende Gemeinschaft werden die Gesundheitskosten für alle erhöhen – Klinikträger, Versicherte sowie Bund und Länder. Kompromisse sind da unvermeidlich – nur bei der medizinischen Qualität darf es die nicht geben.

EU in der Norm?

Posted by Günter K.V. Vetter on 16/04/14

Die Kritik an absurden EU-Normen und an den Auswüchsen der Überregulierung ist so alt wie die Europäische Union. Viele Vorschriften, die von den Betroffenen regelmäßig durch den Kakao gezogen werden, sind dabei grundsätzlich sinnvoll und gut gemeint. Das gilt auch für die Richtlinie zur Grundqualifikation für den Güterverkehr. Berufskraftfahrer, die im internationalen Fernverkehr ihr Geld verdienen, sollten zum Beispiel über die üblen Tricks von Schleppern und Menschenhändlern informiert sein. Das hilft dem Trucker, der zum Beispiel zwischen Istanbul und Köln pendelt. Der Dachdecker, der neue Ziegel vom Lager in Düsseldorf zur Baustelle in Ratingen fährt, wird selten in die Situation geraten, unerwartet unter der Plane seines Pritschenwagens Flüchtlinge anzutreffen. Die übertriebenen Anforderungen für Fahrer drücken vielen Mittelständlern die Luft ab. Sie müssen jetzt darauf hoffen, dass die NRW-Landesregierung mehr Ausnahmen zulässt. Der Protest ist richtig, kommt allerdings reichlich spät – die Pläne der EU liegen seit 2003 auf dem Tisch.

Nur Europäische Lebensweise?

Posted by Günter K.V. Vetter on 16/04/14

Ein internationales Forscherteam analysiert erstmals Darmbakterien heute
lebender Jäger und Sammler

Die Darmflora beeinflusst zahlreiche Aspekte der Gesundheit und
Nährstoffaufnahme beim Menschen, doch bisher konzentrierte sich die
Forschung hauptsächlich auf „westliche“ Bevölkerungsgruppen. Ein
internationales Forscherteam, dem auch Wissenschaftler des Max-Planck-
Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig angehören, hat nun
erstmals die Darmflora einer modernen Jäger- und Sammlergesellschaft, der
in Tansania lebenden Hadza, untersucht. Dabei fanden die Forscher heraus,
dass sich das Mikrobenprofil der Hadza von denen aller anderen bisher
untersuchten Menschengruppen unterscheidet. Die Bakterien im
Verdauungstrakt der Hadza spielen also möglicherweise eine entscheidende
Rolle bei der Anpassung an ihre spezielle Ernährungs- und Lebensweise. Die
Studie zeigt auch, wie die Darmflora bereits unseren Vorfahren dabei
geholfen haben könnte, sich an die Lebensbedingungen während der Steinzeit
anzupassen und zu überleben.

Bakterienpopulationen entwickelten sich gemeinsam mit dem Menschen über
mehrere Millionen Jahre hinweg und halfen ihm dabei, sich an neue
Umweltbedingungen und Nahrungsmittel anzupassen. Aus Studien zu den in
Tansania lebenden Hadza können Wissenschaftler lernen, wie Menschen als
Jäger und Sammler im selben Lebensraum und mit ähnlichen Nahrungsmitteln
wie unsere Vorfahren in der Steinzeit überleben.

Unter der Leitung von Stephanie Schnorr und Amanda Henry vom Max-Planck-
Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig verglich ein
interdisziplinäres Forscherteam Mikroorganismen aus dem Verdauungstrakt
der Hadza mit denen von Italienern, die in einem städtischen Umfeld leben
und die „westliche Bevölkerung“ repräsentieren. Das Ergebnis, welches
kürzlich in Nature Communications veröffentlicht wurde, zeigt dass die
Hadza im Vergleich zu den Italienern eine vielfältigere Darmflora, also
mehr Bakterienarten, besitzen. „Das ist für die menschliche Gesundheit
äußerst relevant“, sagt Stephanie Schnorr. „Einige vor allem in
Industrienationen vorkommende Krankheiten, wie zum Beispiel das
Reizdarmsyndrom, Darmkrebs, Adipositas, Diabetes Typ 2, Morbus Crohn und
andere, stehen in Verbindung mit der Verringerung der Diversität der
mikrobiellen Darmflora.“

Die Darmbesiedlung ist sehr gut an die Verdauung unverdaulicher Fasern aus
einer pflanzenreichen Kost angepasst und hilft den Hadza möglicherweise
dabei, den faserreichen Nahrungsmitteln mehr Energie zu entnehmen.
Überraschenderweise haben die Forscher festgestellt, dass es bei den
Hadza-Männern und -Frauen hinsichtlich der Art und Anzahl ihrer
Darmbakterien erhebliche Unterschiede gibt. Dies wurde bisher bei keiner
anderen menschlichen Bevölkerungsgruppe beobachtet. Während die
Hadza-Männer Wild jagen und Honig sammeln, übernehmen die Frauen das
Sammeln von Knollen und anderen pflanzlichen Nahrungsmitteln. Obwohl sie
diese dann miteinander teilen, isst jedes Geschlecht ein wenig mehr von
der selbst beschafften Nahrung.

„Die Unterschiede in der Darmflora der Geschlechter reflektieren diese
geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“, sagt Stephanie Schnorr. „Die
Hadza-Frauen verfügen offensichtlich über mehr Bakterien zur Verarbeitung
faserreicher pflanzlicher Nahrung, was sich direkt auf ihre Fruchtbarkeit
und ihren Fortpflanzungserfolg auswirkt.“ Diese Befunde zeigen, welche
Schlüsselrolle die Darmbesiedlung im Laufe der menschlichen Evolution
gespielt hat, wenn es um die Anpassung an verschiedene Ernährungsweisen
ging.

Die Zusammensetzung der mikrobiellen Flora im Verdauungstrakt der Hadza
ist einzigartig. Sie enthält eine große Anzahl an Bakterien, wie
Treponema, die in der „westlichen” Bevölkerung oft als Anzeichen für
Krankheiten gedeutet werden. Andere Bakterien, wie Bifidobacterium, die in
der „westlichen“ Bevölkerung als „gesund“ gelten, sind bei den Hadza
vermindert. Dennoch treten bei den Hadza kaum durch ein Ungleichgewicht
der Darmbakterien verursachte Autoimmunkrankheiten auf. Unser Verständnis
von „gesunden“ und „ungesunden“ Bakterien muss daher neu definiert werden,
weil diese Unterscheidungen davon abhängen, in welcher Umwelt wir leben.
Die genetische Vielfalt der Bakterien ist dabei möglicherweise das
wichtigste Kriterium für eine gesunde und stabile Darmflora.

„Die Mikroorganismen, die uns besiedeln sind unsere ‚alten Freunde‘, die
uns bei der Anpassung an verschiedene Lebensweisen und Umweltbedingungen
unterstützen“, sagt Amanda Henry, die die Max-Planck-Forschungsgruppe für
Pflanzliche Nahrungsstoffe und Nahrungsökologie von Homininen leitet.
„Unsere Untersuchung der Darmflora der Hadza erweitert unser Wissen
darüber, wie Mensch und Mikroorganismus sich an das Leben in der Savanne
angepasst haben. Darüber hinaus zeigt sie, wie Darmbakterien unseren
Vorfahren möglicherweise dabei geholfen haben, sich an die
Lebensbedingungen während der Steinzeit anzupassen und zu überleben.“

Originalpublikation:
Stephanie L. Schnorr, Marco Candela, Simone Rampelli, Manuela Centanni,
Clarissa Consolandi, Giulia Basaglia, Silvia Turroni, Elena Biagi, Clelia
Peano, Marco Severgnini, Jessica Fiori, Roberto Gotti, Gianluca De Bellis,
Donata Luiselli, Patrizia Brigidi, Audax Mabulla, Frank Marlowe, Amanda G.
Henry & Alyssa N. Crittenden
Gut microbiome of the Hadza hunter-gatherers
Nature Communications, 15. April 2014, Doi: 10.1038/ncomms4654

Zeigefinger nach Brüssel

Posted by Günter K.V. Vetter on 16/04/14

Der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der Europawahl, Martin Schulz, brachte es am Politischen Aschermittwoch auf den Punkt: “Scheint die Sonne nicht – Brüssel. Schweißfüße – Brüssel.” Man muss Schulz nicht mögen und auch die EU nicht immer gut finden. Aber eines stimmt in jedem Fall: Brüssel muss oft als Watschenmann herhalten für alles, was irgendwo schief läuft und für das man selbst als Politiker keine Verantwortung übernehmen will. Es ist oft richtig, sich über Brüssel aufzuregen. Aber das geschieht leider viel zu häufig aus den falschen Gründen. Ja: Die Europäische Union ist ein abstraktes Gebilde. Sie steht für Regulierungswut, für überbordende Bürokratie, sprich: für alles, was wir an staatlichen Einrichtungen nicht mögen. Und sie wird als solche selbst von denjenigen gebrandmarkt, die auf europäischer Ebene mitentscheiden – und zwar immer dann, wenn man sich Vorteile an der Wahlurne erhofft. Jüngstes Beispiel ist die Aufregung um das Verbot von stromfressenden Elektrogeräten im Haushalt. Wer, wie etwa die bayerische CSU-Europaministerin Beate Merk kritisiert, dass die EU sich damit zu sehr in die Lebenswelt der Menschen einmischt, kann sich des Beifalls vieler Wähler sicher sein. Das aber ist unseriös, weil erstens niemand aus Brüssel in die Küchen geht und alte Kaffeemaschinen konfisziert. Zweitens sitzt die CSU selbst mit im Straßburger EU-Parlament. Zudem ist gerade das Thema Energieeffizienz der beste Beleg dafür, dass aus der EU nicht nur Sinnloses, Teures und Nerviges kommt. Ohne stromsparende Elektrogeräte auch daheim kann keine Energiewende gelingen. Gestern erst wurde mit der Zustimmung des Parlaments zur Bankenunion sichergestellt, dass nicht mehr der Steuerzahler für die Zockerei der Banken aufkommen muss. Perfide daran ist, dass die Einzelstaaten sich solche sinnvollen Beschlüsse gerne ans Revers heften, während unangenehme als Brüsseler Regulierungswut abgetan werden. Oder aber man erwähnt das Sinnvolle erst gar nicht. Man schüttelt den Kopf über die Normierung der Gurkenkrümmung, aber verschweigt, dass die EU zukünftig das Handytelefonat im Ausland verbilligen wird. Weil es leichter ist, sich über das Brüsseler Allerlei aufzuregen, verstellt sich der Blick auf das, was man der Europäischen Union wirklich anlasten kann. Das ist vor allem ihr mangelndes außenpolitisches Format. Im Umgang mit den Flüchtlingsströmen über das Mittelmeer zeigt sich täglich, dass die EU die Symptome zwar mittlerweile gut bekämpfen kann. Die Ursachen für die Flucht von Tausenden Afrikanern aber – etwa die Flutung der afrikanischen Märkte mit billiger, weil hochsubventionierter Ware aus der EU – geht man nicht an. Und es war eine Zeit lang schicker, sich auf dem Maidan in Kiew mit prowestlichen Demonstranten fotografieren zu lassen, als früh die unangenehme Auseinandersetzung mit Russland zu suchen. Denn dann hätte man ja wirtschaftliche und politische Interessen der EU-Mitgliedsstaaten abgleichen müssen; oder, anders ausgedrückt: Man hätte als politische Macht auftreten müssen. Das aber will und kann diese EU noch nicht. Es wird ihr aber mittelfristig keine andere Wahl bleiben. Europa ist nicht mehr nur ein Wirtschaftsclub, der Binnenmärkte harmonisieren und sich der Konkurrenz globaler Märkte stellen muss. Die EU ist eine Gemeinschaft geworden, die stark genug ist, um Menschen dazu zu bringen, ihr Leben zu riskieren, damit sie dort leben können. Und die attraktiv genug ist, um in einem Land wie der Ukraine Menschen dazu zu motivieren, gegen ihre Regierung aufzubegehren. Die EU ist längst ein mächtiges Staatenkonstrukt, das aber Angst hat, diese Macht auch einzusetzen. Nur die EU wird dazu beitragen können, den Ukraine-Konflikt zu lösen. Die USA wollen und können das nicht. Wer Europa kritisiert, sollte daran denken, dass am 25. Mai Europawahlen sind. Nicht wählen zu gehen und dann zu schimpfen ist eine Option. Aber die billigste und feigste.

Mehr Gehalt für Putin und Medwedew

Posted by Günter K.V. Vetter on 15/04/14

Russlands Präsident und der Regierungschef bekommen künftig 2,65 Mal so viel Gehalt wie bisher. Bislang bekam Putin 74.000 Euro pro Jahr, Medwedjew 85.000 Euro. Mit der Erhöhung werden Gehaltssteigerungen nachgeholt, die bislang nur für andere Regierungsbeamte und Kreml-Beschäftigte gegeben habe. Das Durchschnittsgehalt in Russland liegt bei etwas über 7.000 Euro pro Jahr.

Spielraum der EU?

Posted by Günter K.V. Vetter on 15/04/14

Keiner weiß im Moment, ob sich nicht Putin in den Kopf gesetzt hat, als Präsident in die Geschichtsbücher einzugehen, der zumindest Teile des alten Sowjetimperiums wieder zu einem Ganzen zusammensetzen möchte, und dem es daher dann herzlich egal ist, ob sein Land dafür ein paar Jahre wirtschaftlich blutet. Keiner weiß wirklich, ob sich Putin Teile der Ukraine einverleiben oder das Land nicht zumindest zur Strafe zerlegen will.

Vielleicht weiß er es auch selbst noch nicht so genau. Mit so einem Spieler an einem Tisch zu sitzen, der sich an keine einzige in den letzten Jahren und Jahrzehnten verabredete Regel hält, schränkt den Spielraum für die EU von vorneherein schon mal ein.

Es gibt leider… keine Wahl: Man muss mit diesem großen und unbestreitbar auch sehr mächtigen Nachbarn weiter leben und daher auch reden. Vielleicht hilft ja denen, die Angst haben, die EU könne in dieser Auseinandersetzung von Russland sozusagen an die Wand gespielt werden, sich eines vor Augen zu halten: Bislang heißt der große Verlierer Russland.

Die europafreundliche Protestbewegung in der Ukraine hat zunächst alle Träume Putins einer eurasischen Wirtschaftsunion zunichte gemacht. Nun geht es darum, zu verhindern, dass die Menschen in der Ukraine selbst am Ende als Verlierer dastehen. Nur eins geht derzeit nicht, schon aus Rücksicht auf die Ukraine – die Karten hinschmeißen und den Tisch verlassen.

Bringt die Ukraine das Ende von Europa?

Posted by Günter K.V. Vetter on 14/04/14

Natürlich spielt die Ukraine am Rande eine zentrale Rolle – Zitatende, und zitiert wurde der Bundesfinanzminister. Man weiß nicht, ob es ein Freudscher Versprecher oder ein mit Bedacht gewähltes Wortspiel war. In jedem Fall brachte Wolfgang Schäuble damit die vorherrschende Stimmung beim IWF-Frühjahrstreffen auf den Punkt. Die Ukraine spielte tatsächlich eine zentrale Rolle – auf den Gängen, auf den Fluren und in den kleinen Besprechungszimmern, wo jeder mit jedem redet, eben am Rande dieses Treffens.

Klar wird damit allerdings auch: Die Krise in der Ukraine und um die Ukraine ist eher ein europäisches und vielleicht noch ein transatlantisches Thema. Chinesen, Brasilianer oder Australier bringt die noch nicht um den Schlaf, was vielleicht daran liegt, dass diese Krise noch nicht auf die Weltkonjunktur übergeschwappt ist. Das Zeug dazu hätte sie, wenn jetzt nicht aufgepasst wird. Denn die Zutaten für eine Eskalation liegen bereit: bei den russischorientierten Hitzköpfen in der Ostukraine, bei der Regierung in Kiew, die offenbar an ein Naturrecht auf günstige Gaspreise glaubt, bei Wladimir Putin, der in Gashähnen und -pipelines ein altes Erpressungsinstrument neu entdeckt, aber auch bei der US-Regierung in Washington, die forsch neue Sanktionen gegen Russland verhängt und weitere ankündigt, sollte Moskau den Konflikt weiter so anheizen wie etwa in dieser Woche.

Das alles weckt ungute Gefühle, denn eine überzeugende Antwort, wie mit dieser Krise und ihren Verursachern, also mit der Ukraine und Russland, umzugehen ist gab es in Washington noch nicht. Immerhin blieben die westlichen Industriestaaten geschlossen bei ihrer Haltung, Russlands Vorgehen unmissverständlich zu missbilligen, auch wenn die Rollen verteilt waren. Die spielten den “bad Cop”, den raubeinigen Weltpolizisten, der Russland offen mit Sanktionen droht; Deutschland dagegen spielte den “good Cop”, übernahm also den Part des Polizisten, der gegenüber Russland verständnisvoll auftritt, ohne dabei gleich – wie die Amerikaner – mit dem Holzhammer der Sanktionen daher zu kommen.

Ein Wolfgang Schäuble will erst einmal weiter mit den Russen reden, ihnen sogar Recht geben, wenn sie auf bockbeinige Ukrainer zeigen, die partout ihre Gasrechnungen nicht bezahlen wollen. Und ein Wolfgang Schäuble will die Russen wieder ins Boot holen bei der Suche nach einer konstruktiven Lösung. Eine nüchterne Analyse gibt ihm Recht. Die Ukraine ist im Inneren zerrissen in einen einst habsburgischen und heute immer noch europäisch tickenden Westteil, und einen russischorientierten Ostteil. Sie hat eine schwache Regierung und Politiker, die Moskau entweder unversöhnlich gegenüberstehen, oder bei Wladimir Putin am liebsten auf dem Schoß säßen. Angesichts dieser Zerrissenheit kann es nur eine Lösung mit, und nicht gegen Russland geben.

Es ist einfach vermessen, zu glauben, dass der Westen, wie man neuerdings wieder sagt, die Ukraine mit Milliardensummen stützen könnte, wenn dieses Land gleichzeitig in voller Konfrontation zu seinem übermächtigen Nachbarn Russland verharren sollte. Das wird nie funktionieren. Und deshalb ist jeder Gedanke, wie man Russland wieder mit ins Boot kriegt, ein lohnender Gedanke. Wahrscheinlich wird am Ende die Ökonomie die Sache richten, denn mit seinem wiedererwachten Großmachtgetue schadet sich Russland selbst am meisten. Das Wachstum schwächelt, Investoren mit russischem, vor allem aber mit ausländischem Pass halten sich zurück. Damit gerät Russland im globalen Wettbewerb noch weiter ins Hintertreffen als es das ohnehin schon ist. So etwas kann sich auch ein in Rohstoffen schwimmendes Land wie Russland nicht leisten, wenn gleichzeitig andere Länder ihre Ressourcen klüger einsetzen und sie eben nicht in militärisches Abenteurertum stecken. Die Herausforderung besteht deshalb darin, dies der russischen Regierung möglichst schnell beizubringen. Denn die Zeit, Russland erst einmal ökonomisch vor die Pumpe laufen zu lassen, um so Einsicht und hoffentlich Umkehr im Kreml zu befördern, hat die Welt eigentlich nicht. Dafür steht in diesem Rest der Welt einfach zu viel auf dem Spiel, und das nicht nur ökonomisch.

KARPFENTEICH rss

in Berlin/Germany more.



Most Active Blogs

  • Kalender

    April 2014
    M T W T F S S
    « Mar    
     123456
    78910111213
    14151617181920
    21222324252627
    282930  
  • Archives

    Advertisement